…über Spocht, Gesellschaft und Weight Watchers.

Ich kommuniziere gerne. Und das Internet hat das Ende der Neunziger, Anfang des Jahrtausends in meinem Leben stark geprägt und vorangebracht. In Foren, auf Mailinglisten (MLs), im Chat (meist IRC) und per Mail habe ich Menschen kennengelernt. Und mich gleich dazu. Schreiben ist für mich eine sehr wohltuend verlangsamte Form des Kommunizierens. Wer mich persönlich kennt weiß, wie schwer es mir manchmal fällt, nicht jeden Gedanken an die gerade geäußerte Meinung oder Aussage meines Gegenübers zu heften. Eine Form der Unterbrechung, die in E-Mails oder in der Forenkommunikation gang und gäbe ist und wunderbar funktioniert:

Hallo zurück,

Schlachtroß43 schrieb:

> Meines Erachten ist Hoeneß ein Betrüger,
Jup, das ist ja unbestritten, schließlich hat er sich selbst wegen Betrugs/Steuerhinterziehung angezeigt (vermutlich gibt’s da juristisch feine Unterschiede zwischen den beiden Tatbeständen, aber was soll hier die Goldwaage?)

> der als Bayern-Präsi zurücktreten sollte
mal sehen… Ich fand ja Margot Käßmann da wunderbar konsequent und vorbildlich im Umgang mit der eigenen Fehlbarkeit. Aber der Wertekanon des FCB ist etwas anders gestrickt, scheint mir.

> und bitte nie mehr in irgendwelchen Talkshows den Saubermann geben darf!
Oh ja, am Besten einfach auch 2 von 5 „Polit“-Talkshows im Ersten absetzen oder sie einfach am Sonntag-Abend und von mir aus auch Mittwochs durchwechseln. 20 Themen pro Monat an den Haaren herbeizuziehen und durchzunudeln ist Rundfunkbeitragverschwendung. Lieber Klasse, statt Masse. Die Redaktionen kommen ja kaum noch zu einer vernünftigen Vorbereitung, finde ich.

Was hältst Du eigentlich von einem Finale FCB-BVB? Würde mir gefallen, vor allem wenn Götze das Spiel zugunsten der Borussen entscheidet, ehe er mit Guardiola die nächste Stufe des Fußballgott-Olymps erklimmt.

Sei gegrüßt.
Liqui

Funktioniert wunderbar im Web, wäre in der Kohlenstoffwelt aber die Unhöflichkeitshölle. ;-)

Nun gibt es neben diesem auch andere Phänomene und Gewohnheiten, in der die digitalen und analogen Kommunikationsgewohnheiten kollidieren oder aufeinander Einfluss nehmen. Ein paar Beispiele?

  • E-Mail war anfangs für uns Nerds ein Brief mit vereinfachter/kostengünsitger Zustellung. Mittlerweile ist es eine Chimäre aus solchen Brief-Gewohnheiten und Chat- oder Statusmeldungen. Manch eine/r reagiert regelrecht verstört, wenn eine Mail mal nicht innerhalb von 4 Stunden oder 24 beantwortet wird. Besonders haarig finde ich die Verschiebung von einem Telefonat auf E-Mails, wenn es um dringende und schlimmstenfalls auch noch wichtige Fragen geht. E-Mail ist keine sichere und sinnvolle Wahl, wenn Echtzeitkommunikation gebraucht wird.Und die vielen Statusmeldungen/Mit-Teilungen, die keiner Antwort bedürfen, fressen jede Menge Zeit beim Sichten des Postfachs. Übrigens ein wundervoller Tipp, den ich neulich in einem Blogpost fand (leider nicht gebookmarkt): statt ständig zu unterbrechen um jede neuangekommene Mail zu begutachten, ob sie einer Reaktion bedarf, führt dazu, dass jede Mail 3-5 Mal gescannt (aber nie richtig gelesen) wird. Seit ich mir (beruflich) 3x am Tag Zeit nehme, die Liste der eingegangenen Mail ordentlich jeweils einmal durchzugehen, geht’s besser.

    Ich lebe zwar seitdem mit der Irritation meiner Arbeitskollegen, dass ich nicht alle weitergeleiteten Mails oder von Schreibtisch zu Schreibtisch versandten Infos oder Fragen im Teeküchentalk parat habe (weil noch nicht gelesen), aber das gehört zum Spannungsfeld analog und digital bzw. asynchron und direkt.

  • Eine Empörungskultur ist entstanden, gerade seit es Facebook gibt, jenen zentralen Anlaufpunkt, an dem uns nicht mehr das Interesse an einem bestimmten Thema zusammenführt. Durch die radikale Verkürzung von Kommunikation bis hin zu einem 1-Klick-„Daumenhoch“ oder einem 1-Klick-3-Worte-„Teilen“ werden die Nutzer dort von der Rezeption längerer Inhalte und auch vom Auformulieren eines eigenen, längeren Gedankengangs regelrecht entwöhnt. Wir sind nun bestens trainiert, uns schnell zu entscheiden: hop oder top, like oder dislike. Petitionen sind derzeit extrem en vogue.Auch diese Kommunikationsform hat sich durch den Umstieg von analogen Unterschriftenlisten auf Papier in 1-Click-fits-them-all transformiert. Ich würde sagen: entwertet. Falls jemand eine Wirksamkeitsstudie über Petitionen – besonders im Vergleich z.b. 1990, 2000 und 2010 hat – es interessiert mich brennend!

    Jedenfalls lese ich persönlich immer weniger gut argumentierende Petitionstexte, am meisten Zuspruch scheinen mir (subjektiv-voruteilsbehaftet) die Petitionen mit der am emotionalsten dargebotenen Empärung zu sein. Und seit einer Weile schwappt diese Gewohnheit in die Kommunikation abseits der Bildschirme: viel mehr Menschen möchten in Entscheidungen eingebunden werden und „sich beteiligen“, aber bitte mit einer einfachen Stimmabgabe „dafür/dagegen“ oder „Variante 1, 2, 3 – klick oder Hand hoch“. Sachliche Abwägungen und Argumentationen werden dabei langsam aber sicher abgelöst durch den Fokus auf das eigene Empfinden. Wie alles hier: nur meine Wahrnehmung, ich freue mich, wenn mein Kulturpessimismus unrecht hat.

    Ich möchte auch positive Beispiele nennen: #login auf ZDF.neo finde ich gut und sogar manchmal spannend, weil es trotz(?) des Zusammenspiels von Talkshow und Web-Interaktion eine Kultur der Argumentation, von Rede und Gegenrede zu pflegen im Stande ist. Oder vielleicht ist das schon nicht mehr nur Pflege, sondern Re-Etablierung? ;-) Egal.

  • Aller guten Dinge sind drei und dann beende ich meinen heutigen geschriebenen Gedankengang: Das Wahrnehmen in der „realen“ Welt reduziert sich um die Aufmerksamkeit, die wir unserem Taschenbegleiter mit Netzanschluss widmen, um ebendiese Wahrnehmung möglichst in Echtzeit mit entfernten Freunden zu teilen. In manchen Fällen ist das Aufmerksamkeitsdefizit für die direkte und aktuelle Umgebung dazu geeignet, völlig irrsinnige Schlussfolgerungen bei den Menschen um einen herum hervorzurufen.Ich war am Freitag in der Stadt unterwegs und filmte mit meinem iPod einige kleinere, historische Momente für diese Stadt. In der Lieblingskneipe angekommen, hing ich sofort via W-Lan auf Facebook herum und teilte die 10- und 20-Sekunden-Schnipsel wie vermutlich 10.000 andere Stadtbewohner mit der Welt. Ich wurde gefragt, ob meine Begleitung und ich uns eigentlich nichts mehr zu sagen hätten…

    Als der frischgewählte Papst auf den Balkon trat, ging später ein Bild durch die Netzwerke, das die ganzen hochgereckten Smartphones zeigte, die im abendlichen Dunkel sehr schön leuchtend zur Geltung kamen. Diese Gläubigen haben vermutlich wie ich am Freitag, sehr viel vom eigentlichen Moment verpasst, weil das Hirn immer damit beschäftigt war zu scannen: was als nächstes filmen, wo den besonderen Blickwinkel oder Moment einfangen, schon mal vorstellen, wer das später alles angucken wird und mir einen anerkennenden Blick oder ein „Like“ zu schenken…

Trotz alledem steigt der Kommunikationsspaß im Web 2.0 für mich derzeit mal wieder an. Weil ich mir Puzzlestück für Puzzlestück passende Nicht-Kollisionen angewöhne, wie die gebündelte E-Mailbearbeitung. Oder lieber #login gucken, als Anne Will (obwohl ich sie sehr schätze), oder das nächste Mal fühlen statt filmen. Und mich endlich um einen Debattierclub kümmern, um ich fit zu trainieren für die eigenen Ansprüche an Kommunikation die Spaß macht.

In diesem Sinne…

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Spam as Spam can…

…mein Blog, das natürlich unter meiner digitalen Schizophrenie leidet (ich bin halt pseudonym unterwegs und rund 3-5 Personen wissen mehr von mir, als hier nachzulesen ist und dass hier was nachzulesen wäre), hat mit 8 Beiträgen, die quasi nirgends verlinkt, erwähnt und schon gar nicht  geliket werden, jetzt schon 10 Spamkommentare bekommen. Das ist ein Jubiläum, das gefeiert gehört – finde ich.

Es ist Frühling, endlich! Nach dem Neujahrs-Gedränge im Januar bin ich – natürlich nur wegen wichtiger Termine – meinem wöchentlichen Gehirnwäschejogging ferngeblieben. Ergebnis: trotz der depressionstauglichen Lichtverhältnisse bis Mitte April quasi keine Zunahme. Zunahme, Abnahme, das sind bei den Weight-Watchers alltägliche Begriffe in alltäglichen Fragen, wie die nach dem Wetter: „Und… was macht die Abnahme?“ – „Ja, schönes Wetter heute.“ Im Gegensatz zu „na, wie geht’s?“ gibt es bei WW aber „im Treffen“ (noch so ein verbaler Gebrauchsgegenstand) eigentlich immer ehrliche Antworten. „18,5 Kilo“ … anerkennendes Gemurmel … „Und, seit wann sind Sie dabei?“, lautet die WW-Katalog-Standardfrage direkt im Anschluss – „Seit… ähm… Weihnachten.“ … aus dem Gemurmel wird ein kurzer Tumult aus Ohs und Ahs.

Das war letzten Donnerstag (und nein, nicht ich habe 18,5 Kilo seit Weihnachten abgenommen), Kollege Max hatte mich mal wieder unauffällig in die Pflicht genommen. Überhaupt war es ein Abend voller Ohs und Ahs. Das sogenannte „Wochenmaterial“ (im WW-Vokabelheft bitte vermerken als Synonym für „wöchentlich neu aufgelegte Infobroschüre A5, 8-12 Seiten maximal 60 Gramm-Papier“)… das sogenannte Wochenmaterial jedenfalls lud ein zum interaktiven Gruppenquiz: Wie viele Punkte hat ein Croissant, mittelgroß („gibt es so klein eh nirgends zu kaufen!“)? – Neun… „Oh…“ (enttäuscht) oder Kopfnicken von den Strebern, die das Weight Watchers Einmaleins schon gut auswendig können. Wie viele Punkte hat eine Geflügel-Bratwurst? – so um die 12. Oh… Zwei Teelöffel Marmelade? Null bis eins, je nach geschickter Tagesstrategie: 2 Teelöffel am Tag sind nämlich frei! So wie Nutella oder Honig. Aber nicht alle „kostenfreien“ Goodies von der Liste jeden Tag. Statt der Konfitüre wurde das Apfelmark aus der Bioecke in der Drogerie empfohlen. Halten Sie sich fest, meine Damen und Herren… „Vier Esslöffel – einen halben Punkt!“ Ahhhh!!!! Extase kann gemurmelt werden.

Am Freitag dann verschlug eine abendliche Fehlplanung Max und mich in angenehmer Begleitung in ein Café oder das was nach der Neubeklebung daraus geworden war: eine Shisha-Bar. Das merkten wir erst, als wir die Mitte des Raumes erreicht hatten. Aber wir sind auch ein wenig neugierig und experimentell (deswegen ja die Sekte namens Weight Watchers) und so blieben wir auf ein Getränk. Und dann auch eine Wasserpfeife. Meine erste. Was man uns empfehlen könne, so für den Einstieg? Reichlich Irritation beim Personal: „Ähm, äh, wie jetzt… also vielleicht Wassermelone oder so, das ist schön leicht.“ Das haben wir mutig bestellt, um bei der Zulieferung dieses Mal den jungen Mann vom Service in Verlegenheit zu bringen mit „Erklären Sie uns bitte kurz, wie das geht?“ „Ähm, äh, wie jetzt… also das ist das Mundstück und hier ist die Kohle. Nicht in die Mitte legen, sonst verbrennt es zu sehr und das schmeckt dann nicht allen so gut.“

Ah jetzt ja… alles klar.

Die erste Wasserpfeife meines Lebens war dann reichlich unspektakulär. Ich rauche seit ich 14 bin neu extrem selten, damit ich irgendwo dazugehören kann. Es hat mir noch nie geschmeckt. Aber bei einer Wasserpfeife gibt’s leider keine Blutsbrüderschaft durch gemeinsam erlittene Schmerzen in der Lunge oder dezenten Schwindel nach tiefer Inhalation… Das Hubbabubba-reife „Geschmackserlebnis“ in tiefen Sesseln und Sofas rumlümmelnd kostet 6 Euro und hoffentlich keinen einzigen Punkt. Obst ist ja bei Weight Watchers ganz hoch im Kurs, weil quasi fast immer kostenfrei!

Wie viele Punkte hat eine Shisha (Wassermelone)? Das könnte ich beim nächsten Mal im Treffen doch einfach rundfragen. Vielleicht wissen die Streber ja mehr.

Bleibt alles anders…

…Niedersachsen hat knapp den Wechsel gewählt – und der eine oder die andere in der Politik dabei sogar weise Worte oder ein gesundes Maß Zurückhaltung.

Was sich aber zuerst geändert hat in diesem Jahr, das ist das Weight-Watchers-Programm. Der „Pro Points-Plan 2.0“ wurde abgelöst durch „Pro Points 360°“. Dazu ein paar neue Promis in der Werbung mit zwei Paradigmenwechseln: Weight Watchers spricht offensiv vom Abnehmen und nicht mehr nur von der Ernährungsumstellung, Gesundheit undsoweiterundsofort. Und Männer werden jetzt mit der Online-Plattform geködert, weswegen das neue Design dort zu einer coolen, männlichen Grauflächen-Schwemme führte. Es soll jetzt den Jungs schmecken, in jeder Hinsicht. Dabei ist „mein Plan“ immer noch der „alte“ und etwas hölzern zu nutzende, leicht überfüllte, Flash-basierte Programm-Manager in hellblau… Und auch weiterhin gilt: wer dies oder jenes aus dem WW-Angebot nutzt, nimmt X-zig Prozent mehr ab, als nur mit jenem und welchem. Aber vielleicht ticken die Jungs ja anders.

Alter Wein in neuen Schläuchen, also? Ich bin sehr skeptisch durch den Wechsel gegangen. Erste, geheimnisvolle Ankündigungen im Dezember, dann kleine Vorgriffe… Und Anfang Januar dann das neue, alte Material: Starterpakete für alle (dafür entfiel für 2 Wochen das kleine Themenheft, geschenkt bekommt mensch hier nix). Und die Treffen sind derzeit ein wenig überfüllt mit guten Vorsätzen und ihren Trägerinnen, deswegen musste die 360-Grad-Vorstellung den Spagat schaffen zwischen Grundlagen für Januar-Novizen und Änderungsmotivation für die Alten Hasen.

Zu den gehöre ich mittlerweile auch, erst kürzlich erhielt ich den Seligmachenden Schlüsselring für 10% Gewichtsverlust.

Aber was machte denn nun der Wein…? Ich sag es mal so: die Weinprobe war suboptimal temperiert. Die Points-Welt hat sich nicht verändert. Das finde ich gut. Nochmal alles neu kennenzulernen wäre mir echt gegen den Strich gegangen. Aber Lebensmittel „kosten“ weiterhin dasselbe und auch mein Budget ist geblieben, wie es war. Die große Änderung ist nicht weniger, als das komplette Trainingsprogramm. Leider misslang der Spagat, das als eine gute Neuigkeit zu präsentieren. Irgendwie transportierte das Jahresanfangsmantra „die da draußen denken, wir zählen Punkte, aber wir rechnen schon lange in Pro Points“ eine subtil-latente Missstimmung, die am neuen Programm haften blieb.

Mit etwas Abstand betrachtet ist der 360-Grad-Plan eine geschickte Weiterentwicklung. Einerseits ist das Trainingsprogramm zur Entwöhnung großer und/oder dickmachender Essgewohnheiten jetzt viel konkreter und kommt in einer auf Situationen angepassten Systematik daher: zu Hause, am Arbeitsplatz, auf Reisen oder auf Partys… Andererseits verliert das Training ein wenig von der Selbstermächtigung, die dem abstrakteren 2.0er-Plan innewohnte: Verstehst Du das Prinzip und bist Du des Transfers mächtig, kannst Du in allen Lebenslagen bewusst und gut entscheiden, was auf den Teller kommt.

Vielleicht wird der Rundum-Plan aber schneller und dauerhafter zu Erfolgen führen und über pawlowsche Reflexe die unplanbaren Herausforderungen einer Tafel Schokolade in einer dunklen Küchenschublade oder des „hedonistischen Heißhungers“ am späten Abend meistern.

Ich hab mich heute für meinen Abendhunger-Klassiker entschieden: Quark, Joghurt, Haferflocken, Honig und Obst. Und für einen Blogbeitrag, der meine Hände beschäftigt.

Wie es nun konkret weitergeht, ob das Trainingsmodell mit den Routinen auch für mich passt und wann die ersten Wiederholungen der Wochenthemen kommen, wird sich zeigen. Der Reiz des Neuen war jedenfalls sehr kurz. Noch wirkt die grundsätzliche Veränderung, die mit der Entscheidung, überhaupt loszulegen begann. Aber sie wird schwächer gegen Heißhünger (das kommt aus derselben Ecke, wie die „Schmätze“ aus dem Januar-„Wetten dass…?“) und dem Wunsch nach Selbstbelohnung durch Essen.

Hat jemand gute Tipps für bessere Belohnungsmethoden?

Wow… das nenn ich eine gewagte Sache: google möchte einfach nichts für die Indizierung von redaktionell erstellten Inhalten zahlen müssen – wie für GEMA-pflichtige Musikinhalte auf seiner Tochter-Plattform youtube. Nun mobilisiert der Konzern, der 2011 mit der Sammlung und/oder Zurverfügungstellung fremder Inhalte 9,7 Milliarden USD nach Steuern Gewinn erwirtschaftete (Quelle: finanzen.net), die Massen. Wie lange wird es noch dauern, bis die Angesprochenen nicht nur die eine Hälfte des Kreislaufs, in dem sie selbst beteiligt sind, sehen?

Die google-Offensive verwundert nicht. Deutschland ist ein attraktiver Werbemarkt, wenn nun neben den Facebook-Inhalten auch News-Webseiten die Suchmaschine aussperren, gehen dem Konzern die beiden Haupt-Tätigkeiten der User/innen durch die Lappen. Naja, außer Katzenvideos auf youtube gucken und weiterschicken…

Wenn die Verlage nun nur noch gemeinsam eine eigene News-Suchmaschine auf die Beine stellen würden…

Das wär schon was, was die Konzernstrategen endgültig aus der Fassung bringen würde. Allein die Tatsache, dass sie den Link zur Kampagne an die prominenteste Stelle für ihre (Eigen-)Werbung setzen zeigt, wie wichtig für google die Inhalte der Verlage sind.

Sehr cool finde ich die Argumentation:

„Ein Leistungsschutzrecht bedeutet weniger Informationen für Bürger und höhere Kosten für Unternehmen“, begründete Stefan Tweraser, Deutschland-Manager bei Google, die Kampagne. (aus dem heutigen sp.on-Artikel)

Man könnte auch sagen: „Ein Leistungsschutzrecht bedeutet entweder mehr Suchaufwand für Bürger, um Informationen zu finden und sie werden dann nicht mehr nur ‚googlen‘ – oder es bedeutet höhere Kosten für das Unternehmen google.“ Die Interessenlage wird deutlich. Zumal die Argumentation ohnehin hinkt:

Nicht in Frage stellt google nämlich, dass die B2B-Lizenzierung von Inhalten sinnvoll/notwendig (und sogar üblich!) ist, will man als Gesellschaft nicht Gefahr laufen, binnen kürzester Zeit der journalistischen Vielfalt beraubt zu werden, weil Jourmalist/in dann ein dank Digitalisierung ausgestorbener Beruf wäre, wie Fotolaborant/in. Was dann in der Tat weniger Informationen für die Bürger bedeuten würden!

Man darf gespannt sein, wie es weitergeht. Und ob die Verleger/innen über die zarten Anpassungen ihres Papiergeschäftsmodells an die virtuelle Medienwelt hinaus neue Ideen und Geschäftsmodelle entwickelt. Die gemeinsame News-Suchmaschine wäre eins. Die Idee ist ungeschützt und hiermit zur Verfügung gestellt – es wäre überraschend, wenn ich die erste damit gewesen sein sollte. Anyway: Viel Spaß beim weiteren Brainstorming.

Wer heilt, hat recht…

Die Monate verstreichen, der Herbst hält Einzug, die Kurve zeigt stetig nach unten… Weight Watchers hat dem Willen einen Plan verordnet und lädt zum wöchentlichen Training, respektive zur Gehirnwäsche jener neuronalen Verknüpfungen, die „süß“ oder „viel“ und wahlweise „Belohnung“, „Ersatzbefriedigung“ oder „alternativlos“ miteinander verbanden. Stattdessen hält meine imaginäre TagCloud mit wachsender Schriftgröße nun „Ziele“, „Liste“ oder „Eigenverantwortung“ für mich parat. Listen gibt es viele, dazu später mehr. Viel bemerkenswerter war für mich Berufssektenskeptikerin die Erkenntnis, dass die Methoden in den „Gottesdiensten“ sehr viel weniger in Richtung Abhängigkeit zielen, als erwartet.

Einfachen Fragen beispielsweise wird stets mit einer Anleitung zum Antwortfinden begegnet. Wer über mangelnde Selbstkontrolle jammert, erhält eine kurze Injektion aus der NLP-Ampulle. (Achtung, das ist ein Bild! NLP ist eine… ich nenn es in diesem Zusammenhang mal Motivationsmethode, die durch bestimmte Fragetechniken die zu motivierende Person zu Positivformulierungen und Benennung konkreter erster Schritte anleitet. Neuronale Neuverknüpfung eben, s.o.)

In der Medizin heißt es, „wer heilt, hat recht“, wenn es ums Hinterfragen von Methoden geht, die nicht mit den Standardtests überprüft wurden oder überprüft werden können. anders gesagt, zählt das Ergebnis. Mein Zwischenergebnis ist sympathisch und fällt unter voller Erfolg. Mein persönlicher Standardtest wird noch zwei Jahre weitergehen, denn abwärts ist nur die halbe Miete (3€ ins Phrasenschwein, gerne) – unten bleiben ist das Ziel. So stay tuned!

Paris, Stadt der…?

Irgendwann mitten in den 90ern waren Demonstrationen zu einer Form der Meinungsäußerung geworden, die kaum noch von denen an die sie gerichtet waren, zur Kenntnis genommen wurden. Der Kalte Krieg war vorbei, der Einmarsch westlicher Truppen von den Entscheidern als das klassifiziert, was sich heute „alternativlos“ nennt, ob Zigtausend Frauen in der (damaligen) Bundeshauptstadt Bonn gegen Vergewaltigungslager im Jugoslawienkrieg einen schwarzen Schweigemarsch machten oder in China ein Sack Reis umfiel – das machte irgendwie keinen Unterschied mehr.

Als ich 2004 das erste Mal in einem Orgatreffen für den CSD hier in Braunschweig saß, hatten wir schon einige Mühe, die Daseinsberechtigung für eine bunte, fröhliche Demo lesbischer, schwuler, bisexueller, trans* Menschen und ihrer heterosexueller Unterstützer.innen plausibel zu formulieren.

Ich dachte nicht, dass eine Spaltung der Gesellschaft, neue militante Fronten oder gar gewaltsame Auseinandersetzungen zurückkehren würden. Und als die ersten christlichen Fundemantalist.inn.en auf der Bildfläche erschienen, da waren sie ein belächelnswertes, skurriles Phänomen in den fernen USA.Als Brutalität gegen Demonstrant.inn.en auf der Bildfläche erschien, da war es im fernen Moskau oder anderen Staaten, die sich weit weg anfühlten.Und jetzt ist es plötzlich Paris, und es ist alles auf einmal: Ultra-Christen, die gegen die Legalisierung und Anerkennung von Liebe und Familie demonstrieren, wenn sie nicht zwischen einem Mann und einer Frau stattfindet. Und Einprügeln auf ein halbnacktes Dutzend unbewaffneter Demonstrantinnen, die „Gay is okay“ skandieren.

Ich sitze vor meiner Facebook-Timeline und lese zwischen Feierabend-Unwichtigkeiten und Musik-Tipps, was Facebook-Freundinnen in der Welt um mich passiert, während ich gerade woanders hinschaute…

Femen protestiert provokant, „weil es niemanden interessiert, wenn wir nur unsere Transparente ausrollen und durch die Stadt tragen“. Provokation ist und muss erlaubt bleiben in einer Demokratie. So wie „der Prediger von Braunschweig“ im Rahmen der Meinungsfreiheit seine Befürchtung über die Straße rufen darf, dass die Existenz und Anwesenheit von Lesben und Schwulen das neue Sodom sei. Das provoziert mich, aber ich schlage ihm dafür keinen seiner spärlichen Zähne aus, ich trete ihn nicht, ich spucke nicht einmal vor ihm aus.

In Paris haben Männer die halbnackten Frauen vom Femen getreten und geschlagen. Auch Männer, die als Ordner eingeteilt waren, mit gelben Westen gekennzeichnet. Das Internet verbreitet diese Bilder rasend schnell und ungefiltert.

Und ich sitze hier und frage mich: ist das bald auch so vor meiner Haustür? Und was werde ich tun?

Wohl nicht halbnackt durch die Straßen rennen. Aber tatenlos per Medienkonsum aus sicherer Entfernung zuschauen, das darf es dann auch nicht sein.

Ich hätte nicht gedacht, dass wir Menschen uns noch einmal in solche Fronten entwickeln könnten. Ich hätte nicht gedacht, dass es nochmal möglich sein würde, sich auf christlichem Nährboden zu fundamentalisieren. Ich hatte gedacht, dass das Dritte Reich, die Inquisition und Kreuzzüge genügend Anschauungsmaterial sein würden, damit wir verstehen, dass Ausgrenzung, Erniedrigung und Verfolgung bis hin zum Wunsch nach Vernichtung genau das nicht sind: Taten im Sinne der Bibel oder im Sinne eines neutestamentarischen Gottes.

Ich kann gerade keine besseren Worte finden, als es Christina Lux schon länger getan hat und schließe drum mit diesem Auszug aus einem ihrer Songs:

God ain’t no good excuse
To justify rules
That bring people down
Dare to walk in their shoes
Walk in them for a while
You may change your mind

The world ain’t black or white
To say I’m wrong don’t make you right
All I know is that it feels good to

Make love my religion, make love my religion

So Mary never had sex
And God hates gays, o.k.
The world is a disc and I’m living in sin
I don’t believe in this, no

God said paint the world black or white? No, he didn’t
It seems to be so easy to always be right
But the world ain’t black or white so I

Make love my religion, make love my religion

Liebe Freundinnen und Freunde. Ich wünsche Euch eine ruhigere Zukunft, als sie sich heute anzubahnen scheint. Jedes Orakel hat die Chance, falsch zu liegen. Ich tät es nur zu gern!