…über Spocht, Gesellschaft und Weight Watchers.

Archiv für November, 2012

Google macht PR in eigener Sache (kostümiert als Bürgerinteresse)

Wow… das nenn ich eine gewagte Sache: google möchte einfach nichts für die Indizierung von redaktionell erstellten Inhalten zahlen müssen – wie für GEMA-pflichtige Musikinhalte auf seiner Tochter-Plattform youtube. Nun mobilisiert der Konzern, der 2011 mit der Sammlung und/oder Zurverfügungstellung fremder Inhalte 9,7 Milliarden USD nach Steuern Gewinn erwirtschaftete (Quelle: finanzen.net), die Massen. Wie lange wird es noch dauern, bis die Angesprochenen nicht nur die eine Hälfte des Kreislaufs, in dem sie selbst beteiligt sind, sehen?

Die google-Offensive verwundert nicht. Deutschland ist ein attraktiver Werbemarkt, wenn nun neben den Facebook-Inhalten auch News-Webseiten die Suchmaschine aussperren, gehen dem Konzern die beiden Haupt-Tätigkeiten der User/innen durch die Lappen. Naja, außer Katzenvideos auf youtube gucken und weiterschicken…

Wenn die Verlage nun nur noch gemeinsam eine eigene News-Suchmaschine auf die Beine stellen würden…

Das wär schon was, was die Konzernstrategen endgültig aus der Fassung bringen würde. Allein die Tatsache, dass sie den Link zur Kampagne an die prominenteste Stelle für ihre (Eigen-)Werbung setzen zeigt, wie wichtig für google die Inhalte der Verlage sind.

Sehr cool finde ich die Argumentation:

„Ein Leistungsschutzrecht bedeutet weniger Informationen für Bürger und höhere Kosten für Unternehmen“, begründete Stefan Tweraser, Deutschland-Manager bei Google, die Kampagne. (aus dem heutigen sp.on-Artikel)

Man könnte auch sagen: „Ein Leistungsschutzrecht bedeutet entweder mehr Suchaufwand für Bürger, um Informationen zu finden und sie werden dann nicht mehr nur ‚googlen‘ – oder es bedeutet höhere Kosten für das Unternehmen google.“ Die Interessenlage wird deutlich. Zumal die Argumentation ohnehin hinkt:

Nicht in Frage stellt google nämlich, dass die B2B-Lizenzierung von Inhalten sinnvoll/notwendig (und sogar üblich!) ist, will man als Gesellschaft nicht Gefahr laufen, binnen kürzester Zeit der journalistischen Vielfalt beraubt zu werden, weil Jourmalist/in dann ein dank Digitalisierung ausgestorbener Beruf wäre, wie Fotolaborant/in. Was dann in der Tat weniger Informationen für die Bürger bedeuten würden!

Man darf gespannt sein, wie es weitergeht. Und ob die Verleger/innen über die zarten Anpassungen ihres Papiergeschäftsmodells an die virtuelle Medienwelt hinaus neue Ideen und Geschäftsmodelle entwickelt. Die gemeinsame News-Suchmaschine wäre eins. Die Idee ist ungeschützt und hiermit zur Verfügung gestellt – es wäre überraschend, wenn ich die erste damit gewesen sein sollte. Anyway: Viel Spaß beim weiteren Brainstorming.

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Wer heilt, hat recht…

Die Monate verstreichen, der Herbst hält Einzug, die Kurve zeigt stetig nach unten… Weight Watchers hat dem Willen einen Plan verordnet und lädt zum wöchentlichen Training, respektive zur Gehirnwäsche jener neuronalen Verknüpfungen, die „süß“ oder „viel“ und wahlweise „Belohnung“, „Ersatzbefriedigung“ oder „alternativlos“ miteinander verbanden. Stattdessen hält meine imaginäre TagCloud mit wachsender Schriftgröße nun „Ziele“, „Liste“ oder „Eigenverantwortung“ für mich parat. Listen gibt es viele, dazu später mehr. Viel bemerkenswerter war für mich Berufssektenskeptikerin die Erkenntnis, dass die Methoden in den „Gottesdiensten“ sehr viel weniger in Richtung Abhängigkeit zielen, als erwartet.

Einfachen Fragen beispielsweise wird stets mit einer Anleitung zum Antwortfinden begegnet. Wer über mangelnde Selbstkontrolle jammert, erhält eine kurze Injektion aus der NLP-Ampulle. (Achtung, das ist ein Bild! NLP ist eine… ich nenn es in diesem Zusammenhang mal Motivationsmethode, die durch bestimmte Fragetechniken die zu motivierende Person zu Positivformulierungen und Benennung konkreter erster Schritte anleitet. Neuronale Neuverknüpfung eben, s.o.)

In der Medizin heißt es, „wer heilt, hat recht“, wenn es ums Hinterfragen von Methoden geht, die nicht mit den Standardtests überprüft wurden oder überprüft werden können. anders gesagt, zählt das Ergebnis. Mein Zwischenergebnis ist sympathisch und fällt unter voller Erfolg. Mein persönlicher Standardtest wird noch zwei Jahre weitergehen, denn abwärts ist nur die halbe Miete (3€ ins Phrasenschwein, gerne) – unten bleiben ist das Ziel. So stay tuned!

Paris, Stadt der…?

Irgendwann mitten in den 90ern waren Demonstrationen zu einer Form der Meinungsäußerung geworden, die kaum noch von denen an die sie gerichtet waren, zur Kenntnis genommen wurden. Der Kalte Krieg war vorbei, der Einmarsch westlicher Truppen von den Entscheidern als das klassifiziert, was sich heute „alternativlos“ nennt, ob Zigtausend Frauen in der (damaligen) Bundeshauptstadt Bonn gegen Vergewaltigungslager im Jugoslawienkrieg einen schwarzen Schweigemarsch machten oder in China ein Sack Reis umfiel – das machte irgendwie keinen Unterschied mehr.

Als ich 2004 das erste Mal in einem Orgatreffen für den CSD hier in Braunschweig saß, hatten wir schon einige Mühe, die Daseinsberechtigung für eine bunte, fröhliche Demo lesbischer, schwuler, bisexueller, trans* Menschen und ihrer heterosexueller Unterstützer.innen plausibel zu formulieren.

Ich dachte nicht, dass eine Spaltung der Gesellschaft, neue militante Fronten oder gar gewaltsame Auseinandersetzungen zurückkehren würden. Und als die ersten christlichen Fundemantalist.inn.en auf der Bildfläche erschienen, da waren sie ein belächelnswertes, skurriles Phänomen in den fernen USA.Als Brutalität gegen Demonstrant.inn.en auf der Bildfläche erschien, da war es im fernen Moskau oder anderen Staaten, die sich weit weg anfühlten.Und jetzt ist es plötzlich Paris, und es ist alles auf einmal: Ultra-Christen, die gegen die Legalisierung und Anerkennung von Liebe und Familie demonstrieren, wenn sie nicht zwischen einem Mann und einer Frau stattfindet. Und Einprügeln auf ein halbnacktes Dutzend unbewaffneter Demonstrantinnen, die „Gay is okay“ skandieren.

Ich sitze vor meiner Facebook-Timeline und lese zwischen Feierabend-Unwichtigkeiten und Musik-Tipps, was Facebook-Freundinnen in der Welt um mich passiert, während ich gerade woanders hinschaute…

Femen protestiert provokant, „weil es niemanden interessiert, wenn wir nur unsere Transparente ausrollen und durch die Stadt tragen“. Provokation ist und muss erlaubt bleiben in einer Demokratie. So wie „der Prediger von Braunschweig“ im Rahmen der Meinungsfreiheit seine Befürchtung über die Straße rufen darf, dass die Existenz und Anwesenheit von Lesben und Schwulen das neue Sodom sei. Das provoziert mich, aber ich schlage ihm dafür keinen seiner spärlichen Zähne aus, ich trete ihn nicht, ich spucke nicht einmal vor ihm aus.

In Paris haben Männer die halbnackten Frauen vom Femen getreten und geschlagen. Auch Männer, die als Ordner eingeteilt waren, mit gelben Westen gekennzeichnet. Das Internet verbreitet diese Bilder rasend schnell und ungefiltert.

Und ich sitze hier und frage mich: ist das bald auch so vor meiner Haustür? Und was werde ich tun?

Wohl nicht halbnackt durch die Straßen rennen. Aber tatenlos per Medienkonsum aus sicherer Entfernung zuschauen, das darf es dann auch nicht sein.

Ich hätte nicht gedacht, dass wir Menschen uns noch einmal in solche Fronten entwickeln könnten. Ich hätte nicht gedacht, dass es nochmal möglich sein würde, sich auf christlichem Nährboden zu fundamentalisieren. Ich hatte gedacht, dass das Dritte Reich, die Inquisition und Kreuzzüge genügend Anschauungsmaterial sein würden, damit wir verstehen, dass Ausgrenzung, Erniedrigung und Verfolgung bis hin zum Wunsch nach Vernichtung genau das nicht sind: Taten im Sinne der Bibel oder im Sinne eines neutestamentarischen Gottes.

Ich kann gerade keine besseren Worte finden, als es Christina Lux schon länger getan hat und schließe drum mit diesem Auszug aus einem ihrer Songs:

God ain’t no good excuse
To justify rules
That bring people down
Dare to walk in their shoes
Walk in them for a while
You may change your mind

The world ain’t black or white
To say I’m wrong don’t make you right
All I know is that it feels good to

Make love my religion, make love my religion

So Mary never had sex
And God hates gays, o.k.
The world is a disc and I’m living in sin
I don’t believe in this, no

God said paint the world black or white? No, he didn’t
It seems to be so easy to always be right
But the world ain’t black or white so I

Make love my religion, make love my religion

Liebe Freundinnen und Freunde. Ich wünsche Euch eine ruhigere Zukunft, als sie sich heute anzubahnen scheint. Jedes Orakel hat die Chance, falsch zu liegen. Ich tät es nur zu gern!