…über Spocht, Gesellschaft und Weight Watchers.

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Paris, Stadt der…?

Irgendwann mitten in den 90ern waren Demonstrationen zu einer Form der Meinungsäußerung geworden, die kaum noch von denen an die sie gerichtet waren, zur Kenntnis genommen wurden. Der Kalte Krieg war vorbei, der Einmarsch westlicher Truppen von den Entscheidern als das klassifiziert, was sich heute „alternativlos“ nennt, ob Zigtausend Frauen in der (damaligen) Bundeshauptstadt Bonn gegen Vergewaltigungslager im Jugoslawienkrieg einen schwarzen Schweigemarsch machten oder in China ein Sack Reis umfiel – das machte irgendwie keinen Unterschied mehr.

Als ich 2004 das erste Mal in einem Orgatreffen für den CSD hier in Braunschweig saß, hatten wir schon einige Mühe, die Daseinsberechtigung für eine bunte, fröhliche Demo lesbischer, schwuler, bisexueller, trans* Menschen und ihrer heterosexueller Unterstützer.innen plausibel zu formulieren.

Ich dachte nicht, dass eine Spaltung der Gesellschaft, neue militante Fronten oder gar gewaltsame Auseinandersetzungen zurückkehren würden. Und als die ersten christlichen Fundemantalist.inn.en auf der Bildfläche erschienen, da waren sie ein belächelnswertes, skurriles Phänomen in den fernen USA.Als Brutalität gegen Demonstrant.inn.en auf der Bildfläche erschien, da war es im fernen Moskau oder anderen Staaten, die sich weit weg anfühlten.Und jetzt ist es plötzlich Paris, und es ist alles auf einmal: Ultra-Christen, die gegen die Legalisierung und Anerkennung von Liebe und Familie demonstrieren, wenn sie nicht zwischen einem Mann und einer Frau stattfindet. Und Einprügeln auf ein halbnacktes Dutzend unbewaffneter Demonstrantinnen, die „Gay is okay“ skandieren.

Ich sitze vor meiner Facebook-Timeline und lese zwischen Feierabend-Unwichtigkeiten und Musik-Tipps, was Facebook-Freundinnen in der Welt um mich passiert, während ich gerade woanders hinschaute…

Femen protestiert provokant, „weil es niemanden interessiert, wenn wir nur unsere Transparente ausrollen und durch die Stadt tragen“. Provokation ist und muss erlaubt bleiben in einer Demokratie. So wie „der Prediger von Braunschweig“ im Rahmen der Meinungsfreiheit seine Befürchtung über die Straße rufen darf, dass die Existenz und Anwesenheit von Lesben und Schwulen das neue Sodom sei. Das provoziert mich, aber ich schlage ihm dafür keinen seiner spärlichen Zähne aus, ich trete ihn nicht, ich spucke nicht einmal vor ihm aus.

In Paris haben Männer die halbnackten Frauen vom Femen getreten und geschlagen. Auch Männer, die als Ordner eingeteilt waren, mit gelben Westen gekennzeichnet. Das Internet verbreitet diese Bilder rasend schnell und ungefiltert.

Und ich sitze hier und frage mich: ist das bald auch so vor meiner Haustür? Und was werde ich tun?

Wohl nicht halbnackt durch die Straßen rennen. Aber tatenlos per Medienkonsum aus sicherer Entfernung zuschauen, das darf es dann auch nicht sein.

Ich hätte nicht gedacht, dass wir Menschen uns noch einmal in solche Fronten entwickeln könnten. Ich hätte nicht gedacht, dass es nochmal möglich sein würde, sich auf christlichem Nährboden zu fundamentalisieren. Ich hatte gedacht, dass das Dritte Reich, die Inquisition und Kreuzzüge genügend Anschauungsmaterial sein würden, damit wir verstehen, dass Ausgrenzung, Erniedrigung und Verfolgung bis hin zum Wunsch nach Vernichtung genau das nicht sind: Taten im Sinne der Bibel oder im Sinne eines neutestamentarischen Gottes.

Ich kann gerade keine besseren Worte finden, als es Christina Lux schon länger getan hat und schließe drum mit diesem Auszug aus einem ihrer Songs:

God ain’t no good excuse
To justify rules
That bring people down
Dare to walk in their shoes
Walk in them for a while
You may change your mind

The world ain’t black or white
To say I’m wrong don’t make you right
All I know is that it feels good to

Make love my religion, make love my religion

So Mary never had sex
And God hates gays, o.k.
The world is a disc and I’m living in sin
I don’t believe in this, no

God said paint the world black or white? No, he didn’t
It seems to be so easy to always be right
But the world ain’t black or white so I

Make love my religion, make love my religion

Liebe Freundinnen und Freunde. Ich wünsche Euch eine ruhigere Zukunft, als sie sich heute anzubahnen scheint. Jedes Orakel hat die Chance, falsch zu liegen. Ich tät es nur zu gern!

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