…über Spocht, Gesellschaft und Weight Watchers.

Archiv für April, 2013

Kommunikationsspaß im Internet, Version 2.0

Ich kommuniziere gerne. Und das Internet hat das Ende der Neunziger, Anfang des Jahrtausends in meinem Leben stark geprägt und vorangebracht. In Foren, auf Mailinglisten (MLs), im Chat (meist IRC) und per Mail habe ich Menschen kennengelernt. Und mich gleich dazu. Schreiben ist für mich eine sehr wohltuend verlangsamte Form des Kommunizierens. Wer mich persönlich kennt weiß, wie schwer es mir manchmal fällt, nicht jeden Gedanken an die gerade geäußerte Meinung oder Aussage meines Gegenübers zu heften. Eine Form der Unterbrechung, die in E-Mails oder in der Forenkommunikation gang und gäbe ist und wunderbar funktioniert:

Hallo zurück,

Schlachtroß43 schrieb:

> Meines Erachten ist Hoeneß ein Betrüger,
Jup, das ist ja unbestritten, schließlich hat er sich selbst wegen Betrugs/Steuerhinterziehung angezeigt (vermutlich gibt’s da juristisch feine Unterschiede zwischen den beiden Tatbeständen, aber was soll hier die Goldwaage?)

> der als Bayern-Präsi zurücktreten sollte
mal sehen… Ich fand ja Margot Käßmann da wunderbar konsequent und vorbildlich im Umgang mit der eigenen Fehlbarkeit. Aber der Wertekanon des FCB ist etwas anders gestrickt, scheint mir.

> und bitte nie mehr in irgendwelchen Talkshows den Saubermann geben darf!
Oh ja, am Besten einfach auch 2 von 5 „Polit“-Talkshows im Ersten absetzen oder sie einfach am Sonntag-Abend und von mir aus auch Mittwochs durchwechseln. 20 Themen pro Monat an den Haaren herbeizuziehen und durchzunudeln ist Rundfunkbeitragverschwendung. Lieber Klasse, statt Masse. Die Redaktionen kommen ja kaum noch zu einer vernünftigen Vorbereitung, finde ich.

Was hältst Du eigentlich von einem Finale FCB-BVB? Würde mir gefallen, vor allem wenn Götze das Spiel zugunsten der Borussen entscheidet, ehe er mit Guardiola die nächste Stufe des Fußballgott-Olymps erklimmt.

Sei gegrüßt.
Liqui

Funktioniert wunderbar im Web, wäre in der Kohlenstoffwelt aber die Unhöflichkeitshölle. ;-)

Nun gibt es neben diesem auch andere Phänomene und Gewohnheiten, in der die digitalen und analogen Kommunikationsgewohnheiten kollidieren oder aufeinander Einfluss nehmen. Ein paar Beispiele?

  • E-Mail war anfangs für uns Nerds ein Brief mit vereinfachter/kostengünsitger Zustellung. Mittlerweile ist es eine Chimäre aus solchen Brief-Gewohnheiten und Chat- oder Statusmeldungen. Manch eine/r reagiert regelrecht verstört, wenn eine Mail mal nicht innerhalb von 4 Stunden oder 24 beantwortet wird. Besonders haarig finde ich die Verschiebung von einem Telefonat auf E-Mails, wenn es um dringende und schlimmstenfalls auch noch wichtige Fragen geht. E-Mail ist keine sichere und sinnvolle Wahl, wenn Echtzeitkommunikation gebraucht wird.Und die vielen Statusmeldungen/Mit-Teilungen, die keiner Antwort bedürfen, fressen jede Menge Zeit beim Sichten des Postfachs. Übrigens ein wundervoller Tipp, den ich neulich in einem Blogpost fand (leider nicht gebookmarkt): statt ständig zu unterbrechen um jede neuangekommene Mail zu begutachten, ob sie einer Reaktion bedarf, führt dazu, dass jede Mail 3-5 Mal gescannt (aber nie richtig gelesen) wird. Seit ich mir (beruflich) 3x am Tag Zeit nehme, die Liste der eingegangenen Mail ordentlich jeweils einmal durchzugehen, geht’s besser.

    Ich lebe zwar seitdem mit der Irritation meiner Arbeitskollegen, dass ich nicht alle weitergeleiteten Mails oder von Schreibtisch zu Schreibtisch versandten Infos oder Fragen im Teeküchentalk parat habe (weil noch nicht gelesen), aber das gehört zum Spannungsfeld analog und digital bzw. asynchron und direkt.

  • Eine Empörungskultur ist entstanden, gerade seit es Facebook gibt, jenen zentralen Anlaufpunkt, an dem uns nicht mehr das Interesse an einem bestimmten Thema zusammenführt. Durch die radikale Verkürzung von Kommunikation bis hin zu einem 1-Klick-„Daumenhoch“ oder einem 1-Klick-3-Worte-„Teilen“ werden die Nutzer dort von der Rezeption längerer Inhalte und auch vom Auformulieren eines eigenen, längeren Gedankengangs regelrecht entwöhnt. Wir sind nun bestens trainiert, uns schnell zu entscheiden: hop oder top, like oder dislike. Petitionen sind derzeit extrem en vogue.Auch diese Kommunikationsform hat sich durch den Umstieg von analogen Unterschriftenlisten auf Papier in 1-Click-fits-them-all transformiert. Ich würde sagen: entwertet. Falls jemand eine Wirksamkeitsstudie über Petitionen – besonders im Vergleich z.b. 1990, 2000 und 2010 hat – es interessiert mich brennend!

    Jedenfalls lese ich persönlich immer weniger gut argumentierende Petitionstexte, am meisten Zuspruch scheinen mir (subjektiv-voruteilsbehaftet) die Petitionen mit der am emotionalsten dargebotenen Empärung zu sein. Und seit einer Weile schwappt diese Gewohnheit in die Kommunikation abseits der Bildschirme: viel mehr Menschen möchten in Entscheidungen eingebunden werden und „sich beteiligen“, aber bitte mit einer einfachen Stimmabgabe „dafür/dagegen“ oder „Variante 1, 2, 3 – klick oder Hand hoch“. Sachliche Abwägungen und Argumentationen werden dabei langsam aber sicher abgelöst durch den Fokus auf das eigene Empfinden. Wie alles hier: nur meine Wahrnehmung, ich freue mich, wenn mein Kulturpessimismus unrecht hat.

    Ich möchte auch positive Beispiele nennen: #login auf ZDF.neo finde ich gut und sogar manchmal spannend, weil es trotz(?) des Zusammenspiels von Talkshow und Web-Interaktion eine Kultur der Argumentation, von Rede und Gegenrede zu pflegen im Stande ist. Oder vielleicht ist das schon nicht mehr nur Pflege, sondern Re-Etablierung? ;-) Egal.

  • Aller guten Dinge sind drei und dann beende ich meinen heutigen geschriebenen Gedankengang: Das Wahrnehmen in der „realen“ Welt reduziert sich um die Aufmerksamkeit, die wir unserem Taschenbegleiter mit Netzanschluss widmen, um ebendiese Wahrnehmung möglichst in Echtzeit mit entfernten Freunden zu teilen. In manchen Fällen ist das Aufmerksamkeitsdefizit für die direkte und aktuelle Umgebung dazu geeignet, völlig irrsinnige Schlussfolgerungen bei den Menschen um einen herum hervorzurufen.Ich war am Freitag in der Stadt unterwegs und filmte mit meinem iPod einige kleinere, historische Momente für diese Stadt. In der Lieblingskneipe angekommen, hing ich sofort via W-Lan auf Facebook herum und teilte die 10- und 20-Sekunden-Schnipsel wie vermutlich 10.000 andere Stadtbewohner mit der Welt. Ich wurde gefragt, ob meine Begleitung und ich uns eigentlich nichts mehr zu sagen hätten…

    Als der frischgewählte Papst auf den Balkon trat, ging später ein Bild durch die Netzwerke, das die ganzen hochgereckten Smartphones zeigte, die im abendlichen Dunkel sehr schön leuchtend zur Geltung kamen. Diese Gläubigen haben vermutlich wie ich am Freitag, sehr viel vom eigentlichen Moment verpasst, weil das Hirn immer damit beschäftigt war zu scannen: was als nächstes filmen, wo den besonderen Blickwinkel oder Moment einfangen, schon mal vorstellen, wer das später alles angucken wird und mir einen anerkennenden Blick oder ein „Like“ zu schenken…

Trotz alledem steigt der Kommunikationsspaß im Web 2.0 für mich derzeit mal wieder an. Weil ich mir Puzzlestück für Puzzlestück passende Nicht-Kollisionen angewöhne, wie die gebündelte E-Mailbearbeitung. Oder lieber #login gucken, als Anne Will (obwohl ich sie sehr schätze), oder das nächste Mal fühlen statt filmen. Und mich endlich um einen Debattierclub kümmern, um ich fit zu trainieren für die eigenen Ansprüche an Kommunikation die Spaß macht.

In diesem Sinne…

Spam as Spam can…

…mein Blog, das natürlich unter meiner digitalen Schizophrenie leidet (ich bin halt pseudonym unterwegs und rund 3-5 Personen wissen mehr von mir, als hier nachzulesen ist und dass hier was nachzulesen wäre), hat mit 8 Beiträgen, die quasi nirgends verlinkt, erwähnt und schon gar nicht  geliket werden, jetzt schon 10 Spamkommentare bekommen. Das ist ein Jubiläum, das gefeiert gehört – finde ich.

Wie viele Punkte hat eine Shisha? (Wassermelone)

Es ist Frühling, endlich! Nach dem Neujahrs-Gedränge im Januar bin ich – natürlich nur wegen wichtiger Termine – meinem wöchentlichen Gehirnwäschejogging ferngeblieben. Ergebnis: trotz der depressionstauglichen Lichtverhältnisse bis Mitte April quasi keine Zunahme. Zunahme, Abnahme, das sind bei den Weight-Watchers alltägliche Begriffe in alltäglichen Fragen, wie die nach dem Wetter: „Und… was macht die Abnahme?“ – „Ja, schönes Wetter heute.“ Im Gegensatz zu „na, wie geht’s?“ gibt es bei WW aber „im Treffen“ (noch so ein verbaler Gebrauchsgegenstand) eigentlich immer ehrliche Antworten. „18,5 Kilo“ … anerkennendes Gemurmel … „Und, seit wann sind Sie dabei?“, lautet die WW-Katalog-Standardfrage direkt im Anschluss – „Seit… ähm… Weihnachten.“ … aus dem Gemurmel wird ein kurzer Tumult aus Ohs und Ahs.

Das war letzten Donnerstag (und nein, nicht ich habe 18,5 Kilo seit Weihnachten abgenommen), Kollege Max hatte mich mal wieder unauffällig in die Pflicht genommen. Überhaupt war es ein Abend voller Ohs und Ahs. Das sogenannte „Wochenmaterial“ (im WW-Vokabelheft bitte vermerken als Synonym für „wöchentlich neu aufgelegte Infobroschüre A5, 8-12 Seiten maximal 60 Gramm-Papier“)… das sogenannte Wochenmaterial jedenfalls lud ein zum interaktiven Gruppenquiz: Wie viele Punkte hat ein Croissant, mittelgroß („gibt es so klein eh nirgends zu kaufen!“)? – Neun… „Oh…“ (enttäuscht) oder Kopfnicken von den Strebern, die das Weight Watchers Einmaleins schon gut auswendig können. Wie viele Punkte hat eine Geflügel-Bratwurst? – so um die 12. Oh… Zwei Teelöffel Marmelade? Null bis eins, je nach geschickter Tagesstrategie: 2 Teelöffel am Tag sind nämlich frei! So wie Nutella oder Honig. Aber nicht alle „kostenfreien“ Goodies von der Liste jeden Tag. Statt der Konfitüre wurde das Apfelmark aus der Bioecke in der Drogerie empfohlen. Halten Sie sich fest, meine Damen und Herren… „Vier Esslöffel – einen halben Punkt!“ Ahhhh!!!! Extase kann gemurmelt werden.

Am Freitag dann verschlug eine abendliche Fehlplanung Max und mich in angenehmer Begleitung in ein Café oder das was nach der Neubeklebung daraus geworden war: eine Shisha-Bar. Das merkten wir erst, als wir die Mitte des Raumes erreicht hatten. Aber wir sind auch ein wenig neugierig und experimentell (deswegen ja die Sekte namens Weight Watchers) und so blieben wir auf ein Getränk. Und dann auch eine Wasserpfeife. Meine erste. Was man uns empfehlen könne, so für den Einstieg? Reichlich Irritation beim Personal: „Ähm, äh, wie jetzt… also vielleicht Wassermelone oder so, das ist schön leicht.“ Das haben wir mutig bestellt, um bei der Zulieferung dieses Mal den jungen Mann vom Service in Verlegenheit zu bringen mit „Erklären Sie uns bitte kurz, wie das geht?“ „Ähm, äh, wie jetzt… also das ist das Mundstück und hier ist die Kohle. Nicht in die Mitte legen, sonst verbrennt es zu sehr und das schmeckt dann nicht allen so gut.“

Ah jetzt ja… alles klar.

Die erste Wasserpfeife meines Lebens war dann reichlich unspektakulär. Ich rauche seit ich 14 bin neu extrem selten, damit ich irgendwo dazugehören kann. Es hat mir noch nie geschmeckt. Aber bei einer Wasserpfeife gibt’s leider keine Blutsbrüderschaft durch gemeinsam erlittene Schmerzen in der Lunge oder dezenten Schwindel nach tiefer Inhalation… Das Hubbabubba-reife „Geschmackserlebnis“ in tiefen Sesseln und Sofas rumlümmelnd kostet 6 Euro und hoffentlich keinen einzigen Punkt. Obst ist ja bei Weight Watchers ganz hoch im Kurs, weil quasi fast immer kostenfrei!

Wie viele Punkte hat eine Shisha (Wassermelone)? Das könnte ich beim nächsten Mal im Treffen doch einfach rundfragen. Vielleicht wissen die Streber ja mehr.