…über Spocht, Gesellschaft und Weight Watchers.

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Geht’s noch?

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Sieg nach Punkten

In der Medizin gibt es einen Satz, den studierte Doktores mit etwas saurer Miene sagen, wenn es darum geht, wie Karla Müller mit Hilfe einiger Nadeln die Migräne überwand: „Wer heilt hat recht“. In meinem Fall heißt der Satz „Wer abschmilzt hat recht“.

Weight Watchers siegt derzeit grandios nach Punkten im Vergleich zu massivem Training im Fitness-Studio und allen möglichen und unmöglichen Diäten, die ich in den letzten 15 Jahren (okay, in den letzten fünf eigentlich schon gar nicht mehr) durchlebt habe.

Was ist geschehen? Ich esse weiterhin, was ich will und bin auch noch nicht wirklich dazu gekommen, eines der vielen Rezepte auszuprobieren, die mir in der Sekte an jeder Ecke begegnen. Ich trinke fast täglich meinen Latte Nougato im Lieblings-Coffeeshop um die Ecke vom Büro. Und ich belasse es bei einmal Volleyball auf niedrigem Niveau pro Woche.

Ich zähle nicht einmal mehr akribisch meine Punkte, denn die ersten drei Wochen haben gezeigt, dass ich kaum über mein Tagesbudget komme. Vom Wochenbudget verbrauche ich nur wenig, vom gesammelten „Aktiv-Punkte“-Bonus ganz zu schweigen… Mein Essverhalten hat sich rasend schnell in Bezug auf Menge, Häufigkeit und Süßigkeiten verändert.

Das Zwischenergebnis: 5 Kilogramm Gletscherschmelze in 5 Wochen. „Im Treffen“ gibt es dafür bestenfalls anerkennendes Gemurmel, ehrfürchtig-ungläubiges „Oh! und „Ah!“ ertönt hingegen, wenn ein anwesendes „Gold-Mitglied“ von den „verlorenen“ 23 Kilogramm in 9 Monaten erzählt. „Und schon eineinhalb Jahre gehalten!“ Überhaupt die Treffen… Ich habe jetzt drei „Coaches“ erlebt, die allerdings nicht coachen, sondern… sagen wir mal… ein etwas interaktiveres Dozieren bis Performen betreiben, jede auf ihre eigene Art.

Da ist die lebhafte Donnerstags-Comedienne, die mir anfangs etwas füllig vorkam (aber schwanger ist) und die den ganzen Laden von vorne bespaßt. Bei ihr gibt es die guuuuten Sattmacher, die böööösen Dr. Oetker-TK-Pizzen und hiiiinterhältig den Körper verwirrende Süßstoffe. Bewegung ist etwas, das dem Auditorium generell keinen Spaß zu machen habe, aber nötig sei. Glücklich darf sich schätzen, wer mit einem „Ach, du zarter Hase…“ von der Fragestellerin zur Stichwortgeberin degradiert wird. Hier tummeln sich die einzigen Männer, die ich bei WW bislang zu Gesicht bekommen habe. Die zupackende Art, die die Comedienne ausstrahlt, dürfte dazu beitragen.

Freitags Vormittags ist es komplett anders. Hier doziert eine diplomierte Ökotrophologin, die vermutlich noch nie mehr als 3 Kilo „Übergewicht“ im Leben hatte vom fein abgestimmten Stoffwechseln mit natürlichen Ingedenzien. Den psychounlogischen Zwängen und Trieben ihrer Gruppe („abends war die ganze Tüte Schokolade leer, obwohl ich das gar nicht wollte“) ist sie deswegen eher hilflos ausgeliefert. Mit einer Tüte Gemüse wäre das nicht passiert… Hier sammeln sich – so (m)ein erster Eindruck – ausgerechnet die ganz harten Fälle, um sich in ihrem dem-Übergewicht-Ausgeliefertsein gegenseitig zu bestärken.

Dass es bei mir gerade so gut läuft liegt (auch) daran, dass ich dieser Phase des Selbstauslieferung und -aufgabe nach mehreren Jahren der Hege und Pflege entstiegen bin. Dank Max und seiner monetären Leihgabe hatte ich im ersten Treffen berufsskeptisch gesessen und am Ende gemerkt: Schluss mit dem Aufschieben und auf den Weg mit Dir, Sweetie! Sollte ich jemals Gold-Mitglied werden, könnte diese Entschlossenheit das sein, was ich zu meinem wichtigsten Erfolgsfaktor erklären werde. Allerdings erscheint es mir utopisch, die BMI-Spanne zu erreichen, die für diese Dauer-Mitgliedschaft zum Nulltarif notwendig ist. Dazu ein ander Mal mehr.

Samstag war ich nun das erste Mal bei einem Wochenend-Treffen. Es ging etwas schleppend los, das Thema (diese Woche war es „Die Macht der Bilder“) wollte nicht so recht zünden… Doch „unser“ Coach zeigte Mut und Bilder von sich – mit 104 Kilo, mit 88 und jetzt… Als es um die irgendwo im Schrank hinten versteckten Kleidungsstücke in Größe 46, 40 oder gar 38 ging, kam richtig Leben in die Bude. Gemeinsames Lachen hier und da, dazu Applaus für frisch verdiente Sterne. Hier bekam ich endlich das Sektenerlebnis, das ich schon längst erwartet hatte. Sogar ein Maßband für 5% Gewichtsverlust wurde feierlich übergeben. Das nenne ich mal einen gelungenen „Gottesdienst“… beseelt lächelnd radelten  wir alle mit einem kleinen Plakat beschenkt nach Hause. Es ist zwar nicht wirklich schön gestaltet – wenn wir mal das Wochenthema „Die Macht der Bilder“ ernst nehmen – aber selbst das ändert nichts daran, dass die Sekte derzeit nach Punkten haushoch führt. Wer abschmilzt hat recht. Jedenfalls solange, bis das Jojo zuschlägt. Also: Stay tuned.

Ich hab Marcus Urban erlebt und es war eine Begegnung, die mir in lange und in guter Erinnerung bleiben wird. „Wer ist Marcus Urban?“ werden Sie vermutlich fragen, weil Sie mit Herrn Altmaier in der Überschrift bekannter sein könnten. (Herr Altmaier ist derzeit unser Bundesumweltminister.)

Marcus Urban ist ein drahtiger Typ mit wenig und kurzem Haupthaar. Er ist gerade heraus. Das hat er – bis auf die Figur – mit Herrn Altmaier gemeinsam. Marcus Urban ist ein früher hochtalentierter und mittlerweile hocherfahrener Fußballer, dessen Laufbahn in den 1990er-Jahren endete, ehe sie richtig begann. Denn Marcus Urban ist schwul und wie sich das für ihn im Fußballinternat und der DDR in den späten 80ern und Bundesrepublik der frühen 90er angefühlt hat, beschreibt der Journalist Ronny Blaschke im gemeinsam erarbeiteten Buch „Versteckspieler“. Das erschien 2008 und seitdem ist Marcus Urban eine öffentliche(re) Person, Experte in einer DFB-Arbeitsgruppe (TARD) und Sachverständiger für Vielfalt und den Nährboden für Toleranz und guten Umgang miteinander. Ronny Blaschke übrigens ist ein ungeduldiger Kritiker seines eigenen Metiers. Vermutlich ist ihm der Blogbeitrag von Stefan Niggemeier zur nicht-gestellten Frage „Sind Sie ein heterosexueller Single, Herr Altmaier?“ bereits bekannt. Mir ist er gestern Nacht in mein Postfach geflattert.

In „Der ewige Junggeselle Peter Altmaier und die Selbstzensur der ‚taz‘“ kritisiert Niggemeier die BILD (wie so oft) und Herrn Altmaier. Das VolksBILDungs-Organ hatte wohl eine Heim- und Herd-Geschichte über dem Minister gemacht, in der er sich zum einen als Dauer-Single und zum anderen als Freund der Bildsprache präsentierte (Gott habe sein Single-Dasein gefügt). In der nun folgenden Kommentar-Schlacht verwirbelten schnell Argumente und Meinungen zur in solchen Fällen gern genommenen Ablenkungsfrage „Wie relevant ist die sexuelle Orientierung eines Politikers oder einer Politikerin?“.

Die Antwort steckt in der Geschichte von Marcus Urban und in den Erlebnissen von zigtausend anderen Menschen in diesem unserem Land: die Liebensweise von uns Menschen ist allgegenwärtig sichtbar, ergo relevant. Fürs Menschsein an sich, nicht für besondere Berufsgruppen, Hobbys oder Religionsräume. Die Relevanz ist größer, als diese Teilbereiche des Lebens. Heterosexualität ist etwas, das die Menschen die davon betroffen sind, vor sich hertragen, ständig nach außen kommunizieren, inszenieren und zelebrieren. Sei es als fröhliches „Mein Mann und ich waren am Sonntag im Theater, es war himmlisch!“ einer Frau beim morgendlichen Kaffee mit Kollegen, sei es indem ein junges Paar sich im Park auf einer Picknickdecke küsst, ein Mann seinem besten Freund wehmütig von den schönen Zeiten mit seiner nunmehr Ex-Frau erzählt oder Frau Merkel neben Herrn Sauer lächelnd über den roten Teppich von Bayreuth geht.

Wie oft betrieben Sie täglich diese und ähnliche Form der Selbstoffenbarung?

Wenn Ihre Antwort „weniger als einmal täglich“ lautet, sind Sie entweder Single (wie der Herr Altmaier) oder fördern die Stigmatisierung homo- und bisexueller Beziehungen wie Ihrer durch eigenes Zutun. Das Erbe „darüber spricht man nicht“ oder „das ist Privatsache“ wiegt weiterhin schwer.

Das wird dann auch im Gespräch mit Marcus Urban deutlich. Er erzählt aus seinem Leben ungefähr so weit, wie es nicht-übermäßig-schüchterne Durchschnittsmenschen tun. Heterosexuelle Durchschnittsmenschen. Bei uns homo- und bisexuellen Menschen bin ich mir nicht sicher, wo der Durchschnitt liegt. Ich würde mich nur sehr freuen, wenn sich die Werte annäherten. Werte nicht nur im Sinne von Zahlen, sondern auch ethisch. Das Erbe tritt auch bei Marcus Urban (oder mir) zu Tage, sobald das Gepräch sich zum Leben Dritter entwickelt. Hier „schützen“ wir alle weiterhin die lesbischen Fußballerinnen und schwulen Fußballer (wahlweise ersetzbar durch „DFB-Funktionärinnen und -Funktionäre“), von denen wir „es“ wissen, die „es“ aber selbst nicht sichtbar leben.

In der von mir gewünschten und langsam in Sicht kommenden Zukunft würde ich mir die Frage „darf ich von Erlebnissen aus meinem Leben sprechen, in denen Dritte namentlich genannt werden und ihre Nicht-Heterosexualität sichtbar wird?“ nicht mehr stellen. (Ähnlich wie bei der Selbstoffenbarung haben die wenigsten Menschen ein Problem damit, etwas über den Ausflug von „Max und seiner Frau“ oder die mögliche Affaire von Jérôme Boateng und Gina-Lisa Dingens zu sagen.)

Dann wären übrigens auch die Kollegen der schreibenden Zunft vom Ringen um Worte befreit. Eine Frage wie „Wie sieht denn der Mann oder die Frau Ihrer Träume aus, Herr Altmaier?“ zu stellen wird dann eine Selbstverständlichkeit im Rahmen eine Heim- und Herd-Geschichte. Ob Heim- und Herd-Geschichten von Bundesumweltministern (oder irgendwem) überhaupt eine sinnvolle Angelegenheit sind, das wäre eine andere führenswerte Diskussion. Aber Sie können ja selbst entscheiden, was Sie lesen und was Sie weiterblättern. das Buch von Ronny Blaschke und Marcus Urban kostet nur einen Zehner… Danke für die Aufmerksamkeit bis hierhin!

Hier noch ein paar Links, die ich Ihnen ans Herz lege:

Es gibt sicherlich wichtigere und wertvollere Erlebnisse aus der vergangenen Woche, aber ich will für Sie hier auch mit-notieren, wie sich mein Verhältnis zu meinem Körper, Gewicht und den Methoden zur Verbesserung meines Umgang mit beidem entwickelt.

Gestern war ich mit… ich nenn ihn mal Max… bei einer der hiesigen Weight-Watchers-Gruppen. Ich hatte bislang einen großen Bogen um diese Firma gemacht. Das wundert Sie vielleicht etwas weniger, wenn Sie wissen, dass in meiner Familie leibhaftige Erfahrungen mit Scientology, Herbalife und somit ein gewisser Hang zu Schneeball-Systemen und Sekten vorhanden sind. Ich lege keinen Wert darauf, alle Fehler selbst zu machen, die meine Altvorderen bereits hinter sich haben.

Der Abend hatte ein hohes Spaßniveau, was an der charmant plaudernden und schlagfertigen Dame lag, die von vorne das Auditorium aus über 30 Frauen und 1 Mann (Max) bestand mit einem lebhaften Vortrag über Olympia, Ziele und die Notwendigkeit, für die Punkte eines Eisbechers bis nach Berlin radeln zu müssen (und zurück!). Berlin liegt zwei Bundesländer entfernt.

Das Prinzip des Abends war einfach und vermutlich wirkungsvoll: im Dialog mit einigen Stammgästen wurden Positivbeispiele hervorgehoben („10 Kilo in 11 Wochen“ … oh, ah, anerkennendes Gemurmel der Gruppe) und die Überambitionierten gebremst („Ich bin seit 4 Jahren Gold-Mitglied, aber ich krieg die letzten 2 Kilo nicht weg“ – „Schatz, Du bist perfekt, Du liegst mitten in der BMI-Zone, hör auf, perfekter sein zu wollen!“) und Erfolge wurden begreifbar gemacht („Mein ehering passt mir wieder.“ – „Gibt es den Ehemann dazu noch?“ – „Ja“ – „Das ist schön!“).

Nach knapp 40 Minuten war dann Zeit für Fragen, aber „unsere“ Gruppe besteht offenbar aus Voll-Profis. Es gab keine.

Dann bekamen Max und ich eine kleine Einführung – siebeneinhalb Minuten (Sie sehen, ich übe mich schon im ständigen Zählen und Messen – und durften mit unserer Einwilligung unsere Teilnahmeanträge ausfüllen. Hier fiel das positive Ersterlebnis zügig ab. Mein Wunsch-Gewicht durfte ich mir selbst ausdenken, dann wurde ich gewogen und meine täglich zur Verfügung stehenden Points mit einem speziellen Taschenrechner wurden berechnet (huuuu… auch das wird eine Formel sein, die kaum über das Niveau eines Dreisatzes hinausgeht, aber es soll natürlich Eindruck machen). Die zahlreichen Unterlagen wurden mir dann etwas lieblos in die Hand gedrückt, alle individuellen Felder darin blieben unausgefüllt: wer mein persönlicher Coach sei, auf welches Wunschgewicht wir uns geeinigt hätten, was das gemeinsam festgelegte erste Ziel sei und so weiter…

Abends loggte ich mich dann das erste Mal in der Weight Watchers Community ein. Aber davon erzähle ich Ihnen ein anderes Mal…