…über Spocht, Gesellschaft und Weight Watchers.

Archiv für Juli, 2012

Herr Altmaier, Marcus Urban und die Fragen, die zu selten gestellt werden

Ich hab Marcus Urban erlebt und es war eine Begegnung, die mir in lange und in guter Erinnerung bleiben wird. „Wer ist Marcus Urban?“ werden Sie vermutlich fragen, weil Sie mit Herrn Altmaier in der Überschrift bekannter sein könnten. (Herr Altmaier ist derzeit unser Bundesumweltminister.)

Marcus Urban ist ein drahtiger Typ mit wenig und kurzem Haupthaar. Er ist gerade heraus. Das hat er – bis auf die Figur – mit Herrn Altmaier gemeinsam. Marcus Urban ist ein früher hochtalentierter und mittlerweile hocherfahrener Fußballer, dessen Laufbahn in den 1990er-Jahren endete, ehe sie richtig begann. Denn Marcus Urban ist schwul und wie sich das für ihn im Fußballinternat und der DDR in den späten 80ern und Bundesrepublik der frühen 90er angefühlt hat, beschreibt der Journalist Ronny Blaschke im gemeinsam erarbeiteten Buch „Versteckspieler“. Das erschien 2008 und seitdem ist Marcus Urban eine öffentliche(re) Person, Experte in einer DFB-Arbeitsgruppe (TARD) und Sachverständiger für Vielfalt und den Nährboden für Toleranz und guten Umgang miteinander. Ronny Blaschke übrigens ist ein ungeduldiger Kritiker seines eigenen Metiers. Vermutlich ist ihm der Blogbeitrag von Stefan Niggemeier zur nicht-gestellten Frage „Sind Sie ein heterosexueller Single, Herr Altmaier?“ bereits bekannt. Mir ist er gestern Nacht in mein Postfach geflattert.

In „Der ewige Junggeselle Peter Altmaier und die Selbstzensur der ‚taz‘“ kritisiert Niggemeier die BILD (wie so oft) und Herrn Altmaier. Das VolksBILDungs-Organ hatte wohl eine Heim- und Herd-Geschichte über dem Minister gemacht, in der er sich zum einen als Dauer-Single und zum anderen als Freund der Bildsprache präsentierte (Gott habe sein Single-Dasein gefügt). In der nun folgenden Kommentar-Schlacht verwirbelten schnell Argumente und Meinungen zur in solchen Fällen gern genommenen Ablenkungsfrage „Wie relevant ist die sexuelle Orientierung eines Politikers oder einer Politikerin?“.

Die Antwort steckt in der Geschichte von Marcus Urban und in den Erlebnissen von zigtausend anderen Menschen in diesem unserem Land: die Liebensweise von uns Menschen ist allgegenwärtig sichtbar, ergo relevant. Fürs Menschsein an sich, nicht für besondere Berufsgruppen, Hobbys oder Religionsräume. Die Relevanz ist größer, als diese Teilbereiche des Lebens. Heterosexualität ist etwas, das die Menschen die davon betroffen sind, vor sich hertragen, ständig nach außen kommunizieren, inszenieren und zelebrieren. Sei es als fröhliches „Mein Mann und ich waren am Sonntag im Theater, es war himmlisch!“ einer Frau beim morgendlichen Kaffee mit Kollegen, sei es indem ein junges Paar sich im Park auf einer Picknickdecke küsst, ein Mann seinem besten Freund wehmütig von den schönen Zeiten mit seiner nunmehr Ex-Frau erzählt oder Frau Merkel neben Herrn Sauer lächelnd über den roten Teppich von Bayreuth geht.

Wie oft betrieben Sie täglich diese und ähnliche Form der Selbstoffenbarung?

Wenn Ihre Antwort „weniger als einmal täglich“ lautet, sind Sie entweder Single (wie der Herr Altmaier) oder fördern die Stigmatisierung homo- und bisexueller Beziehungen wie Ihrer durch eigenes Zutun. Das Erbe „darüber spricht man nicht“ oder „das ist Privatsache“ wiegt weiterhin schwer.

Das wird dann auch im Gespräch mit Marcus Urban deutlich. Er erzählt aus seinem Leben ungefähr so weit, wie es nicht-übermäßig-schüchterne Durchschnittsmenschen tun. Heterosexuelle Durchschnittsmenschen. Bei uns homo- und bisexuellen Menschen bin ich mir nicht sicher, wo der Durchschnitt liegt. Ich würde mich nur sehr freuen, wenn sich die Werte annäherten. Werte nicht nur im Sinne von Zahlen, sondern auch ethisch. Das Erbe tritt auch bei Marcus Urban (oder mir) zu Tage, sobald das Gepräch sich zum Leben Dritter entwickelt. Hier „schützen“ wir alle weiterhin die lesbischen Fußballerinnen und schwulen Fußballer (wahlweise ersetzbar durch „DFB-Funktionärinnen und -Funktionäre“), von denen wir „es“ wissen, die „es“ aber selbst nicht sichtbar leben.

In der von mir gewünschten und langsam in Sicht kommenden Zukunft würde ich mir die Frage „darf ich von Erlebnissen aus meinem Leben sprechen, in denen Dritte namentlich genannt werden und ihre Nicht-Heterosexualität sichtbar wird?“ nicht mehr stellen. (Ähnlich wie bei der Selbstoffenbarung haben die wenigsten Menschen ein Problem damit, etwas über den Ausflug von „Max und seiner Frau“ oder die mögliche Affaire von Jérôme Boateng und Gina-Lisa Dingens zu sagen.)

Dann wären übrigens auch die Kollegen der schreibenden Zunft vom Ringen um Worte befreit. Eine Frage wie „Wie sieht denn der Mann oder die Frau Ihrer Träume aus, Herr Altmaier?“ zu stellen wird dann eine Selbstverständlichkeit im Rahmen eine Heim- und Herd-Geschichte. Ob Heim- und Herd-Geschichten von Bundesumweltministern (oder irgendwem) überhaupt eine sinnvolle Angelegenheit sind, das wäre eine andere führenswerte Diskussion. Aber Sie können ja selbst entscheiden, was Sie lesen und was Sie weiterblättern. das Buch von Ronny Blaschke und Marcus Urban kostet nur einen Zehner… Danke für die Aufmerksamkeit bis hierhin!

Hier noch ein paar Links, die ich Ihnen ans Herz lege:

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Seit gestern bin ich in der Sekte namens „Weight Watchers“

Es gibt sicherlich wichtigere und wertvollere Erlebnisse aus der vergangenen Woche, aber ich will für Sie hier auch mit-notieren, wie sich mein Verhältnis zu meinem Körper, Gewicht und den Methoden zur Verbesserung meines Umgang mit beidem entwickelt.

Gestern war ich mit… ich nenn ihn mal Max… bei einer der hiesigen Weight-Watchers-Gruppen. Ich hatte bislang einen großen Bogen um diese Firma gemacht. Das wundert Sie vielleicht etwas weniger, wenn Sie wissen, dass in meiner Familie leibhaftige Erfahrungen mit Scientology, Herbalife und somit ein gewisser Hang zu Schneeball-Systemen und Sekten vorhanden sind. Ich lege keinen Wert darauf, alle Fehler selbst zu machen, die meine Altvorderen bereits hinter sich haben.

Der Abend hatte ein hohes Spaßniveau, was an der charmant plaudernden und schlagfertigen Dame lag, die von vorne das Auditorium aus über 30 Frauen und 1 Mann (Max) bestand mit einem lebhaften Vortrag über Olympia, Ziele und die Notwendigkeit, für die Punkte eines Eisbechers bis nach Berlin radeln zu müssen (und zurück!). Berlin liegt zwei Bundesländer entfernt.

Das Prinzip des Abends war einfach und vermutlich wirkungsvoll: im Dialog mit einigen Stammgästen wurden Positivbeispiele hervorgehoben („10 Kilo in 11 Wochen“ … oh, ah, anerkennendes Gemurmel der Gruppe) und die Überambitionierten gebremst („Ich bin seit 4 Jahren Gold-Mitglied, aber ich krieg die letzten 2 Kilo nicht weg“ – „Schatz, Du bist perfekt, Du liegst mitten in der BMI-Zone, hör auf, perfekter sein zu wollen!“) und Erfolge wurden begreifbar gemacht („Mein ehering passt mir wieder.“ – „Gibt es den Ehemann dazu noch?“ – „Ja“ – „Das ist schön!“).

Nach knapp 40 Minuten war dann Zeit für Fragen, aber „unsere“ Gruppe besteht offenbar aus Voll-Profis. Es gab keine.

Dann bekamen Max und ich eine kleine Einführung – siebeneinhalb Minuten (Sie sehen, ich übe mich schon im ständigen Zählen und Messen – und durften mit unserer Einwilligung unsere Teilnahmeanträge ausfüllen. Hier fiel das positive Ersterlebnis zügig ab. Mein Wunsch-Gewicht durfte ich mir selbst ausdenken, dann wurde ich gewogen und meine täglich zur Verfügung stehenden Points mit einem speziellen Taschenrechner wurden berechnet (huuuu… auch das wird eine Formel sein, die kaum über das Niveau eines Dreisatzes hinausgeht, aber es soll natürlich Eindruck machen). Die zahlreichen Unterlagen wurden mir dann etwas lieblos in die Hand gedrückt, alle individuellen Felder darin blieben unausgefüllt: wer mein persönlicher Coach sei, auf welches Wunschgewicht wir uns geeinigt hätten, was das gemeinsam festgelegte erste Ziel sei und so weiter…

Abends loggte ich mich dann das erste Mal in der Weight Watchers Community ein. Aber davon erzähle ich Ihnen ein anderes Mal…