…über Spocht, Gesellschaft und Weight Watchers.

Beiträge mit Schlagwort ‘Coming-out’

Herr Altmaier, Marcus Urban und die Fragen, die zu selten gestellt werden

Ich hab Marcus Urban erlebt und es war eine Begegnung, die mir in lange und in guter Erinnerung bleiben wird. „Wer ist Marcus Urban?“ werden Sie vermutlich fragen, weil Sie mit Herrn Altmaier in der Überschrift bekannter sein könnten. (Herr Altmaier ist derzeit unser Bundesumweltminister.)

Marcus Urban ist ein drahtiger Typ mit wenig und kurzem Haupthaar. Er ist gerade heraus. Das hat er – bis auf die Figur – mit Herrn Altmaier gemeinsam. Marcus Urban ist ein früher hochtalentierter und mittlerweile hocherfahrener Fußballer, dessen Laufbahn in den 1990er-Jahren endete, ehe sie richtig begann. Denn Marcus Urban ist schwul und wie sich das für ihn im Fußballinternat und der DDR in den späten 80ern und Bundesrepublik der frühen 90er angefühlt hat, beschreibt der Journalist Ronny Blaschke im gemeinsam erarbeiteten Buch „Versteckspieler“. Das erschien 2008 und seitdem ist Marcus Urban eine öffentliche(re) Person, Experte in einer DFB-Arbeitsgruppe (TARD) und Sachverständiger für Vielfalt und den Nährboden für Toleranz und guten Umgang miteinander. Ronny Blaschke übrigens ist ein ungeduldiger Kritiker seines eigenen Metiers. Vermutlich ist ihm der Blogbeitrag von Stefan Niggemeier zur nicht-gestellten Frage „Sind Sie ein heterosexueller Single, Herr Altmaier?“ bereits bekannt. Mir ist er gestern Nacht in mein Postfach geflattert.

In „Der ewige Junggeselle Peter Altmaier und die Selbstzensur der ‚taz‘“ kritisiert Niggemeier die BILD (wie so oft) und Herrn Altmaier. Das VolksBILDungs-Organ hatte wohl eine Heim- und Herd-Geschichte über dem Minister gemacht, in der er sich zum einen als Dauer-Single und zum anderen als Freund der Bildsprache präsentierte (Gott habe sein Single-Dasein gefügt). In der nun folgenden Kommentar-Schlacht verwirbelten schnell Argumente und Meinungen zur in solchen Fällen gern genommenen Ablenkungsfrage „Wie relevant ist die sexuelle Orientierung eines Politikers oder einer Politikerin?“.

Die Antwort steckt in der Geschichte von Marcus Urban und in den Erlebnissen von zigtausend anderen Menschen in diesem unserem Land: die Liebensweise von uns Menschen ist allgegenwärtig sichtbar, ergo relevant. Fürs Menschsein an sich, nicht für besondere Berufsgruppen, Hobbys oder Religionsräume. Die Relevanz ist größer, als diese Teilbereiche des Lebens. Heterosexualität ist etwas, das die Menschen die davon betroffen sind, vor sich hertragen, ständig nach außen kommunizieren, inszenieren und zelebrieren. Sei es als fröhliches „Mein Mann und ich waren am Sonntag im Theater, es war himmlisch!“ einer Frau beim morgendlichen Kaffee mit Kollegen, sei es indem ein junges Paar sich im Park auf einer Picknickdecke küsst, ein Mann seinem besten Freund wehmütig von den schönen Zeiten mit seiner nunmehr Ex-Frau erzählt oder Frau Merkel neben Herrn Sauer lächelnd über den roten Teppich von Bayreuth geht.

Wie oft betrieben Sie täglich diese und ähnliche Form der Selbstoffenbarung?

Wenn Ihre Antwort „weniger als einmal täglich“ lautet, sind Sie entweder Single (wie der Herr Altmaier) oder fördern die Stigmatisierung homo- und bisexueller Beziehungen wie Ihrer durch eigenes Zutun. Das Erbe „darüber spricht man nicht“ oder „das ist Privatsache“ wiegt weiterhin schwer.

Das wird dann auch im Gespräch mit Marcus Urban deutlich. Er erzählt aus seinem Leben ungefähr so weit, wie es nicht-übermäßig-schüchterne Durchschnittsmenschen tun. Heterosexuelle Durchschnittsmenschen. Bei uns homo- und bisexuellen Menschen bin ich mir nicht sicher, wo der Durchschnitt liegt. Ich würde mich nur sehr freuen, wenn sich die Werte annäherten. Werte nicht nur im Sinne von Zahlen, sondern auch ethisch. Das Erbe tritt auch bei Marcus Urban (oder mir) zu Tage, sobald das Gepräch sich zum Leben Dritter entwickelt. Hier „schützen“ wir alle weiterhin die lesbischen Fußballerinnen und schwulen Fußballer (wahlweise ersetzbar durch „DFB-Funktionärinnen und -Funktionäre“), von denen wir „es“ wissen, die „es“ aber selbst nicht sichtbar leben.

In der von mir gewünschten und langsam in Sicht kommenden Zukunft würde ich mir die Frage „darf ich von Erlebnissen aus meinem Leben sprechen, in denen Dritte namentlich genannt werden und ihre Nicht-Heterosexualität sichtbar wird?“ nicht mehr stellen. (Ähnlich wie bei der Selbstoffenbarung haben die wenigsten Menschen ein Problem damit, etwas über den Ausflug von „Max und seiner Frau“ oder die mögliche Affaire von Jérôme Boateng und Gina-Lisa Dingens zu sagen.)

Dann wären übrigens auch die Kollegen der schreibenden Zunft vom Ringen um Worte befreit. Eine Frage wie „Wie sieht denn der Mann oder die Frau Ihrer Träume aus, Herr Altmaier?“ zu stellen wird dann eine Selbstverständlichkeit im Rahmen eine Heim- und Herd-Geschichte. Ob Heim- und Herd-Geschichten von Bundesumweltministern (oder irgendwem) überhaupt eine sinnvolle Angelegenheit sind, das wäre eine andere führenswerte Diskussion. Aber Sie können ja selbst entscheiden, was Sie lesen und was Sie weiterblättern. das Buch von Ronny Blaschke und Marcus Urban kostet nur einen Zehner… Danke für die Aufmerksamkeit bis hierhin!

Hier noch ein paar Links, die ich Ihnen ans Herz lege: