…über Spocht, Gesellschaft und Weight Watchers.

Archiv für die Kategorie ‘Gesellschaft’

Kommunikationsspaß im Internet, Version 2.0

Ich kommuniziere gerne. Und das Internet hat das Ende der Neunziger, Anfang des Jahrtausends in meinem Leben stark geprägt und vorangebracht. In Foren, auf Mailinglisten (MLs), im Chat (meist IRC) und per Mail habe ich Menschen kennengelernt. Und mich gleich dazu. Schreiben ist für mich eine sehr wohltuend verlangsamte Form des Kommunizierens. Wer mich persönlich kennt weiß, wie schwer es mir manchmal fällt, nicht jeden Gedanken an die gerade geäußerte Meinung oder Aussage meines Gegenübers zu heften. Eine Form der Unterbrechung, die in E-Mails oder in der Forenkommunikation gang und gäbe ist und wunderbar funktioniert:

Hallo zurück,

Schlachtroß43 schrieb:

> Meines Erachten ist Hoeneß ein Betrüger,
Jup, das ist ja unbestritten, schließlich hat er sich selbst wegen Betrugs/Steuerhinterziehung angezeigt (vermutlich gibt’s da juristisch feine Unterschiede zwischen den beiden Tatbeständen, aber was soll hier die Goldwaage?)

> der als Bayern-Präsi zurücktreten sollte
mal sehen… Ich fand ja Margot Käßmann da wunderbar konsequent und vorbildlich im Umgang mit der eigenen Fehlbarkeit. Aber der Wertekanon des FCB ist etwas anders gestrickt, scheint mir.

> und bitte nie mehr in irgendwelchen Talkshows den Saubermann geben darf!
Oh ja, am Besten einfach auch 2 von 5 „Polit“-Talkshows im Ersten absetzen oder sie einfach am Sonntag-Abend und von mir aus auch Mittwochs durchwechseln. 20 Themen pro Monat an den Haaren herbeizuziehen und durchzunudeln ist Rundfunkbeitragverschwendung. Lieber Klasse, statt Masse. Die Redaktionen kommen ja kaum noch zu einer vernünftigen Vorbereitung, finde ich.

Was hältst Du eigentlich von einem Finale FCB-BVB? Würde mir gefallen, vor allem wenn Götze das Spiel zugunsten der Borussen entscheidet, ehe er mit Guardiola die nächste Stufe des Fußballgott-Olymps erklimmt.

Sei gegrüßt.
Liqui

Funktioniert wunderbar im Web, wäre in der Kohlenstoffwelt aber die Unhöflichkeitshölle. ;-)

Nun gibt es neben diesem auch andere Phänomene und Gewohnheiten, in der die digitalen und analogen Kommunikationsgewohnheiten kollidieren oder aufeinander Einfluss nehmen. Ein paar Beispiele?

  • E-Mail war anfangs für uns Nerds ein Brief mit vereinfachter/kostengünsitger Zustellung. Mittlerweile ist es eine Chimäre aus solchen Brief-Gewohnheiten und Chat- oder Statusmeldungen. Manch eine/r reagiert regelrecht verstört, wenn eine Mail mal nicht innerhalb von 4 Stunden oder 24 beantwortet wird. Besonders haarig finde ich die Verschiebung von einem Telefonat auf E-Mails, wenn es um dringende und schlimmstenfalls auch noch wichtige Fragen geht. E-Mail ist keine sichere und sinnvolle Wahl, wenn Echtzeitkommunikation gebraucht wird.Und die vielen Statusmeldungen/Mit-Teilungen, die keiner Antwort bedürfen, fressen jede Menge Zeit beim Sichten des Postfachs. Übrigens ein wundervoller Tipp, den ich neulich in einem Blogpost fand (leider nicht gebookmarkt): statt ständig zu unterbrechen um jede neuangekommene Mail zu begutachten, ob sie einer Reaktion bedarf, führt dazu, dass jede Mail 3-5 Mal gescannt (aber nie richtig gelesen) wird. Seit ich mir (beruflich) 3x am Tag Zeit nehme, die Liste der eingegangenen Mail ordentlich jeweils einmal durchzugehen, geht’s besser.

    Ich lebe zwar seitdem mit der Irritation meiner Arbeitskollegen, dass ich nicht alle weitergeleiteten Mails oder von Schreibtisch zu Schreibtisch versandten Infos oder Fragen im Teeküchentalk parat habe (weil noch nicht gelesen), aber das gehört zum Spannungsfeld analog und digital bzw. asynchron und direkt.

  • Eine Empörungskultur ist entstanden, gerade seit es Facebook gibt, jenen zentralen Anlaufpunkt, an dem uns nicht mehr das Interesse an einem bestimmten Thema zusammenführt. Durch die radikale Verkürzung von Kommunikation bis hin zu einem 1-Klick-„Daumenhoch“ oder einem 1-Klick-3-Worte-„Teilen“ werden die Nutzer dort von der Rezeption längerer Inhalte und auch vom Auformulieren eines eigenen, längeren Gedankengangs regelrecht entwöhnt. Wir sind nun bestens trainiert, uns schnell zu entscheiden: hop oder top, like oder dislike. Petitionen sind derzeit extrem en vogue.Auch diese Kommunikationsform hat sich durch den Umstieg von analogen Unterschriftenlisten auf Papier in 1-Click-fits-them-all transformiert. Ich würde sagen: entwertet. Falls jemand eine Wirksamkeitsstudie über Petitionen – besonders im Vergleich z.b. 1990, 2000 und 2010 hat – es interessiert mich brennend!

    Jedenfalls lese ich persönlich immer weniger gut argumentierende Petitionstexte, am meisten Zuspruch scheinen mir (subjektiv-voruteilsbehaftet) die Petitionen mit der am emotionalsten dargebotenen Empärung zu sein. Und seit einer Weile schwappt diese Gewohnheit in die Kommunikation abseits der Bildschirme: viel mehr Menschen möchten in Entscheidungen eingebunden werden und „sich beteiligen“, aber bitte mit einer einfachen Stimmabgabe „dafür/dagegen“ oder „Variante 1, 2, 3 – klick oder Hand hoch“. Sachliche Abwägungen und Argumentationen werden dabei langsam aber sicher abgelöst durch den Fokus auf das eigene Empfinden. Wie alles hier: nur meine Wahrnehmung, ich freue mich, wenn mein Kulturpessimismus unrecht hat.

    Ich möchte auch positive Beispiele nennen: #login auf ZDF.neo finde ich gut und sogar manchmal spannend, weil es trotz(?) des Zusammenspiels von Talkshow und Web-Interaktion eine Kultur der Argumentation, von Rede und Gegenrede zu pflegen im Stande ist. Oder vielleicht ist das schon nicht mehr nur Pflege, sondern Re-Etablierung? ;-) Egal.

  • Aller guten Dinge sind drei und dann beende ich meinen heutigen geschriebenen Gedankengang: Das Wahrnehmen in der „realen“ Welt reduziert sich um die Aufmerksamkeit, die wir unserem Taschenbegleiter mit Netzanschluss widmen, um ebendiese Wahrnehmung möglichst in Echtzeit mit entfernten Freunden zu teilen. In manchen Fällen ist das Aufmerksamkeitsdefizit für die direkte und aktuelle Umgebung dazu geeignet, völlig irrsinnige Schlussfolgerungen bei den Menschen um einen herum hervorzurufen.Ich war am Freitag in der Stadt unterwegs und filmte mit meinem iPod einige kleinere, historische Momente für diese Stadt. In der Lieblingskneipe angekommen, hing ich sofort via W-Lan auf Facebook herum und teilte die 10- und 20-Sekunden-Schnipsel wie vermutlich 10.000 andere Stadtbewohner mit der Welt. Ich wurde gefragt, ob meine Begleitung und ich uns eigentlich nichts mehr zu sagen hätten…

    Als der frischgewählte Papst auf den Balkon trat, ging später ein Bild durch die Netzwerke, das die ganzen hochgereckten Smartphones zeigte, die im abendlichen Dunkel sehr schön leuchtend zur Geltung kamen. Diese Gläubigen haben vermutlich wie ich am Freitag, sehr viel vom eigentlichen Moment verpasst, weil das Hirn immer damit beschäftigt war zu scannen: was als nächstes filmen, wo den besonderen Blickwinkel oder Moment einfangen, schon mal vorstellen, wer das später alles angucken wird und mir einen anerkennenden Blick oder ein „Like“ zu schenken…

Trotz alledem steigt der Kommunikationsspaß im Web 2.0 für mich derzeit mal wieder an. Weil ich mir Puzzlestück für Puzzlestück passende Nicht-Kollisionen angewöhne, wie die gebündelte E-Mailbearbeitung. Oder lieber #login gucken, als Anne Will (obwohl ich sie sehr schätze), oder das nächste Mal fühlen statt filmen. Und mich endlich um einen Debattierclub kümmern, um ich fit zu trainieren für die eigenen Ansprüche an Kommunikation die Spaß macht.

In diesem Sinne…

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Spam as Spam can…

…mein Blog, das natürlich unter meiner digitalen Schizophrenie leidet (ich bin halt pseudonym unterwegs und rund 3-5 Personen wissen mehr von mir, als hier nachzulesen ist und dass hier was nachzulesen wäre), hat mit 8 Beiträgen, die quasi nirgends verlinkt, erwähnt und schon gar nicht  geliket werden, jetzt schon 10 Spamkommentare bekommen. Das ist ein Jubiläum, das gefeiert gehört – finde ich.

Google macht PR in eigener Sache (kostümiert als Bürgerinteresse)

Wow… das nenn ich eine gewagte Sache: google möchte einfach nichts für die Indizierung von redaktionell erstellten Inhalten zahlen müssen – wie für GEMA-pflichtige Musikinhalte auf seiner Tochter-Plattform youtube. Nun mobilisiert der Konzern, der 2011 mit der Sammlung und/oder Zurverfügungstellung fremder Inhalte 9,7 Milliarden USD nach Steuern Gewinn erwirtschaftete (Quelle: finanzen.net), die Massen. Wie lange wird es noch dauern, bis die Angesprochenen nicht nur die eine Hälfte des Kreislaufs, in dem sie selbst beteiligt sind, sehen?

Die google-Offensive verwundert nicht. Deutschland ist ein attraktiver Werbemarkt, wenn nun neben den Facebook-Inhalten auch News-Webseiten die Suchmaschine aussperren, gehen dem Konzern die beiden Haupt-Tätigkeiten der User/innen durch die Lappen. Naja, außer Katzenvideos auf youtube gucken und weiterschicken…

Wenn die Verlage nun nur noch gemeinsam eine eigene News-Suchmaschine auf die Beine stellen würden…

Das wär schon was, was die Konzernstrategen endgültig aus der Fassung bringen würde. Allein die Tatsache, dass sie den Link zur Kampagne an die prominenteste Stelle für ihre (Eigen-)Werbung setzen zeigt, wie wichtig für google die Inhalte der Verlage sind.

Sehr cool finde ich die Argumentation:

„Ein Leistungsschutzrecht bedeutet weniger Informationen für Bürger und höhere Kosten für Unternehmen“, begründete Stefan Tweraser, Deutschland-Manager bei Google, die Kampagne. (aus dem heutigen sp.on-Artikel)

Man könnte auch sagen: „Ein Leistungsschutzrecht bedeutet entweder mehr Suchaufwand für Bürger, um Informationen zu finden und sie werden dann nicht mehr nur ‚googlen‘ – oder es bedeutet höhere Kosten für das Unternehmen google.“ Die Interessenlage wird deutlich. Zumal die Argumentation ohnehin hinkt:

Nicht in Frage stellt google nämlich, dass die B2B-Lizenzierung von Inhalten sinnvoll/notwendig (und sogar üblich!) ist, will man als Gesellschaft nicht Gefahr laufen, binnen kürzester Zeit der journalistischen Vielfalt beraubt zu werden, weil Jourmalist/in dann ein dank Digitalisierung ausgestorbener Beruf wäre, wie Fotolaborant/in. Was dann in der Tat weniger Informationen für die Bürger bedeuten würden!

Man darf gespannt sein, wie es weitergeht. Und ob die Verleger/innen über die zarten Anpassungen ihres Papiergeschäftsmodells an die virtuelle Medienwelt hinaus neue Ideen und Geschäftsmodelle entwickelt. Die gemeinsame News-Suchmaschine wäre eins. Die Idee ist ungeschützt und hiermit zur Verfügung gestellt – es wäre überraschend, wenn ich die erste damit gewesen sein sollte. Anyway: Viel Spaß beim weiteren Brainstorming.

Paris, Stadt der…?

Irgendwann mitten in den 90ern waren Demonstrationen zu einer Form der Meinungsäußerung geworden, die kaum noch von denen an die sie gerichtet waren, zur Kenntnis genommen wurden. Der Kalte Krieg war vorbei, der Einmarsch westlicher Truppen von den Entscheidern als das klassifiziert, was sich heute „alternativlos“ nennt, ob Zigtausend Frauen in der (damaligen) Bundeshauptstadt Bonn gegen Vergewaltigungslager im Jugoslawienkrieg einen schwarzen Schweigemarsch machten oder in China ein Sack Reis umfiel – das machte irgendwie keinen Unterschied mehr.

Als ich 2004 das erste Mal in einem Orgatreffen für den CSD hier in Braunschweig saß, hatten wir schon einige Mühe, die Daseinsberechtigung für eine bunte, fröhliche Demo lesbischer, schwuler, bisexueller, trans* Menschen und ihrer heterosexueller Unterstützer.innen plausibel zu formulieren.

Ich dachte nicht, dass eine Spaltung der Gesellschaft, neue militante Fronten oder gar gewaltsame Auseinandersetzungen zurückkehren würden. Und als die ersten christlichen Fundemantalist.inn.en auf der Bildfläche erschienen, da waren sie ein belächelnswertes, skurriles Phänomen in den fernen USA.Als Brutalität gegen Demonstrant.inn.en auf der Bildfläche erschien, da war es im fernen Moskau oder anderen Staaten, die sich weit weg anfühlten.Und jetzt ist es plötzlich Paris, und es ist alles auf einmal: Ultra-Christen, die gegen die Legalisierung und Anerkennung von Liebe und Familie demonstrieren, wenn sie nicht zwischen einem Mann und einer Frau stattfindet. Und Einprügeln auf ein halbnacktes Dutzend unbewaffneter Demonstrantinnen, die „Gay is okay“ skandieren.

Ich sitze vor meiner Facebook-Timeline und lese zwischen Feierabend-Unwichtigkeiten und Musik-Tipps, was Facebook-Freundinnen in der Welt um mich passiert, während ich gerade woanders hinschaute…

Femen protestiert provokant, „weil es niemanden interessiert, wenn wir nur unsere Transparente ausrollen und durch die Stadt tragen“. Provokation ist und muss erlaubt bleiben in einer Demokratie. So wie „der Prediger von Braunschweig“ im Rahmen der Meinungsfreiheit seine Befürchtung über die Straße rufen darf, dass die Existenz und Anwesenheit von Lesben und Schwulen das neue Sodom sei. Das provoziert mich, aber ich schlage ihm dafür keinen seiner spärlichen Zähne aus, ich trete ihn nicht, ich spucke nicht einmal vor ihm aus.

In Paris haben Männer die halbnackten Frauen vom Femen getreten und geschlagen. Auch Männer, die als Ordner eingeteilt waren, mit gelben Westen gekennzeichnet. Das Internet verbreitet diese Bilder rasend schnell und ungefiltert.

Und ich sitze hier und frage mich: ist das bald auch so vor meiner Haustür? Und was werde ich tun?

Wohl nicht halbnackt durch die Straßen rennen. Aber tatenlos per Medienkonsum aus sicherer Entfernung zuschauen, das darf es dann auch nicht sein.

Ich hätte nicht gedacht, dass wir Menschen uns noch einmal in solche Fronten entwickeln könnten. Ich hätte nicht gedacht, dass es nochmal möglich sein würde, sich auf christlichem Nährboden zu fundamentalisieren. Ich hatte gedacht, dass das Dritte Reich, die Inquisition und Kreuzzüge genügend Anschauungsmaterial sein würden, damit wir verstehen, dass Ausgrenzung, Erniedrigung und Verfolgung bis hin zum Wunsch nach Vernichtung genau das nicht sind: Taten im Sinne der Bibel oder im Sinne eines neutestamentarischen Gottes.

Ich kann gerade keine besseren Worte finden, als es Christina Lux schon länger getan hat und schließe drum mit diesem Auszug aus einem ihrer Songs:

God ain’t no good excuse
To justify rules
That bring people down
Dare to walk in their shoes
Walk in them for a while
You may change your mind

The world ain’t black or white
To say I’m wrong don’t make you right
All I know is that it feels good to

Make love my religion, make love my religion

So Mary never had sex
And God hates gays, o.k.
The world is a disc and I’m living in sin
I don’t believe in this, no

God said paint the world black or white? No, he didn’t
It seems to be so easy to always be right
But the world ain’t black or white so I

Make love my religion, make love my religion

Liebe Freundinnen und Freunde. Ich wünsche Euch eine ruhigere Zukunft, als sie sich heute anzubahnen scheint. Jedes Orakel hat die Chance, falsch zu liegen. Ich tät es nur zu gern!

Kurzmitteilung

WordPress.com ist ja wie Weight Watchers…

…“Du hast 3 Artikel veröffentlicht! Nächstes Ziel: 5 Artikel.“

Geht’s noch?

Herr Altmaier, Marcus Urban und die Fragen, die zu selten gestellt werden

Ich hab Marcus Urban erlebt und es war eine Begegnung, die mir in lange und in guter Erinnerung bleiben wird. „Wer ist Marcus Urban?“ werden Sie vermutlich fragen, weil Sie mit Herrn Altmaier in der Überschrift bekannter sein könnten. (Herr Altmaier ist derzeit unser Bundesumweltminister.)

Marcus Urban ist ein drahtiger Typ mit wenig und kurzem Haupthaar. Er ist gerade heraus. Das hat er – bis auf die Figur – mit Herrn Altmaier gemeinsam. Marcus Urban ist ein früher hochtalentierter und mittlerweile hocherfahrener Fußballer, dessen Laufbahn in den 1990er-Jahren endete, ehe sie richtig begann. Denn Marcus Urban ist schwul und wie sich das für ihn im Fußballinternat und der DDR in den späten 80ern und Bundesrepublik der frühen 90er angefühlt hat, beschreibt der Journalist Ronny Blaschke im gemeinsam erarbeiteten Buch „Versteckspieler“. Das erschien 2008 und seitdem ist Marcus Urban eine öffentliche(re) Person, Experte in einer DFB-Arbeitsgruppe (TARD) und Sachverständiger für Vielfalt und den Nährboden für Toleranz und guten Umgang miteinander. Ronny Blaschke übrigens ist ein ungeduldiger Kritiker seines eigenen Metiers. Vermutlich ist ihm der Blogbeitrag von Stefan Niggemeier zur nicht-gestellten Frage „Sind Sie ein heterosexueller Single, Herr Altmaier?“ bereits bekannt. Mir ist er gestern Nacht in mein Postfach geflattert.

In „Der ewige Junggeselle Peter Altmaier und die Selbstzensur der ‚taz‘“ kritisiert Niggemeier die BILD (wie so oft) und Herrn Altmaier. Das VolksBILDungs-Organ hatte wohl eine Heim- und Herd-Geschichte über dem Minister gemacht, in der er sich zum einen als Dauer-Single und zum anderen als Freund der Bildsprache präsentierte (Gott habe sein Single-Dasein gefügt). In der nun folgenden Kommentar-Schlacht verwirbelten schnell Argumente und Meinungen zur in solchen Fällen gern genommenen Ablenkungsfrage „Wie relevant ist die sexuelle Orientierung eines Politikers oder einer Politikerin?“.

Die Antwort steckt in der Geschichte von Marcus Urban und in den Erlebnissen von zigtausend anderen Menschen in diesem unserem Land: die Liebensweise von uns Menschen ist allgegenwärtig sichtbar, ergo relevant. Fürs Menschsein an sich, nicht für besondere Berufsgruppen, Hobbys oder Religionsräume. Die Relevanz ist größer, als diese Teilbereiche des Lebens. Heterosexualität ist etwas, das die Menschen die davon betroffen sind, vor sich hertragen, ständig nach außen kommunizieren, inszenieren und zelebrieren. Sei es als fröhliches „Mein Mann und ich waren am Sonntag im Theater, es war himmlisch!“ einer Frau beim morgendlichen Kaffee mit Kollegen, sei es indem ein junges Paar sich im Park auf einer Picknickdecke küsst, ein Mann seinem besten Freund wehmütig von den schönen Zeiten mit seiner nunmehr Ex-Frau erzählt oder Frau Merkel neben Herrn Sauer lächelnd über den roten Teppich von Bayreuth geht.

Wie oft betrieben Sie täglich diese und ähnliche Form der Selbstoffenbarung?

Wenn Ihre Antwort „weniger als einmal täglich“ lautet, sind Sie entweder Single (wie der Herr Altmaier) oder fördern die Stigmatisierung homo- und bisexueller Beziehungen wie Ihrer durch eigenes Zutun. Das Erbe „darüber spricht man nicht“ oder „das ist Privatsache“ wiegt weiterhin schwer.

Das wird dann auch im Gespräch mit Marcus Urban deutlich. Er erzählt aus seinem Leben ungefähr so weit, wie es nicht-übermäßig-schüchterne Durchschnittsmenschen tun. Heterosexuelle Durchschnittsmenschen. Bei uns homo- und bisexuellen Menschen bin ich mir nicht sicher, wo der Durchschnitt liegt. Ich würde mich nur sehr freuen, wenn sich die Werte annäherten. Werte nicht nur im Sinne von Zahlen, sondern auch ethisch. Das Erbe tritt auch bei Marcus Urban (oder mir) zu Tage, sobald das Gepräch sich zum Leben Dritter entwickelt. Hier „schützen“ wir alle weiterhin die lesbischen Fußballerinnen und schwulen Fußballer (wahlweise ersetzbar durch „DFB-Funktionärinnen und -Funktionäre“), von denen wir „es“ wissen, die „es“ aber selbst nicht sichtbar leben.

In der von mir gewünschten und langsam in Sicht kommenden Zukunft würde ich mir die Frage „darf ich von Erlebnissen aus meinem Leben sprechen, in denen Dritte namentlich genannt werden und ihre Nicht-Heterosexualität sichtbar wird?“ nicht mehr stellen. (Ähnlich wie bei der Selbstoffenbarung haben die wenigsten Menschen ein Problem damit, etwas über den Ausflug von „Max und seiner Frau“ oder die mögliche Affaire von Jérôme Boateng und Gina-Lisa Dingens zu sagen.)

Dann wären übrigens auch die Kollegen der schreibenden Zunft vom Ringen um Worte befreit. Eine Frage wie „Wie sieht denn der Mann oder die Frau Ihrer Träume aus, Herr Altmaier?“ zu stellen wird dann eine Selbstverständlichkeit im Rahmen eine Heim- und Herd-Geschichte. Ob Heim- und Herd-Geschichten von Bundesumweltministern (oder irgendwem) überhaupt eine sinnvolle Angelegenheit sind, das wäre eine andere führenswerte Diskussion. Aber Sie können ja selbst entscheiden, was Sie lesen und was Sie weiterblättern. das Buch von Ronny Blaschke und Marcus Urban kostet nur einen Zehner… Danke für die Aufmerksamkeit bis hierhin!

Hier noch ein paar Links, die ich Ihnen ans Herz lege: